Main-Netz, 21. November 2009
Mahle-Zukunft: Viele Ideen, viel guter Wille und nur sehr wenige Chancen, an die Fördertöpfe zu kommen
Alzenau. Die Mahnwache vor dem Haupttor ist längst verschwunden, rund um das Alzenauer Mahle-Werk ist es ruhig geworden. »Aktuell haben wir über 90 Prozent Kurzarbeit«, sagt Betriebsratsvorsitzender Dieter Wissel. Kolben aus Alzenau werden kaum noch benötigt und niemand rechnet damit, dass sich diese Entwicklung umkehrt.
Mahle-Werkleiter Dr. Norbert Dicks (links) erhält einen Brief von Dr. Anja Weisgerber. MdL Peter Winter ist »Postbote«. Doch die gespenstische Ruhe täuscht: Es gibt ernsthafte Bemühungen, für das Werk Alzenau neue Produkte zu finden. Der Betriebsrat favorisiert den Bau sogenannter Mini-Blockheizkraftwerke. Politiker finden die Idee gut, Mahle-intern sind dieser und andere Vorschläge auf dem Prüfstand. Werkleiter Dr. Norbert Dicks sagt, wo die Messlatte liegt: »Die Wirtschaftlichkeit ist zu erzielen.«
Mahle, der klassische Auto-Zulieferer, würde mit dem Kraftwerksbau Neuland betreten. Die Uhr läuft. Mit der Aufsehen erregenden Aktionsreihe »Eine Region steht auf! Mahle kämpft!« war es den Beschäftigten Ende Mai geglückt, die von der Konzernleitung in Stuttgart geplante Schließung des Werkes Alzenau zum 30. Juni zu verhindern. Vereinbart wurden zwei Jahre Kurzarbeit. In dieser Zeit soll es einem »Innovationsausschuss« gelingen, ein neues Produkt zu entwickeln.
Der Betriebsrat hat fleißig Ideen sortiert und einen »Favoriten« ausgefiltert. Dieter Wissel sieht Chancen für Mini- und Mikro-Blockheizkraftwerke. Auf diesem Markt, für den ein starkes Wachstum prognostiziert werden könne, würden sich bislang nur wenige kleine Unternehmen tummeln. Mahle habe die Voraussetzungen, konkurrenzfähige Produkte zu entwickeln, meint Wissel.
Die Europa-Abgeordnete Dr. Anja Weisgerber (CSU) lobt den Betriebsrat auch für diesen Vorschlag. Überhaupt habe sie der unerbittliche »Einsatz und Kampf« der Mahle-Werker für den Erhalt ihres Standortes von Beginn an beeindruckt. Die Abgeordnete, flankiert vom Landtagsabgeordneten Peter Winter und dem Vorsitzenden des CSU-Arbeitskreises Umwelt, Helmut Winter, sprach gestern im Alzenauer Rathaus mit dem Alzenauer Mahle-Chef, Betriebsräten und Vertrauensleuten und dem Alzenauer Bürgermeister Walter Scharwies.
Brief an die Werkleiter
Anja Weisgerber sagt im anschließenden Pressegespräch, sie habe im Wissen, dass es auch anderen Mahle-Standorten in Europa nicht gut gehe, in der vergangenen Woche im Europäischen Parlament eine »länder- und fraktionsübergreifende Aktion ins Rollen gebracht«. Dank dieser Aktion würde nun ein Brief an alle Werkleiter der gefährdeten Mahle-Standorte verschickt, in dem »wir unsere Solidarität mit den Angestellten und ihren Familien zum Ausdruck bringen«.
Gerne hätte die Europa-Abgeordnete gestern etwas mehr als einen Solidaritätsbrief in den Händen gehabt, doch ihre Prüfung, ob es Fördermöglichkeiten bei der Entwicklung von neuen Produkten gibt, fiel negativ aus. Vorhandene Förderprogramme greifen im speziellen Fall nicht - wegen der Größe des Mahle-Konzerns und wegen der allgemeinen Wirtschaftskraft am Untermain. Anders würde es in einer strukturschwachen Region aussehen. Denkbar wäre lediglich, bei »innovativen Entwicklungsvorhaben« die Hochschulen mit ins Boot zu holen. Für solche »Pilotprojekte« gebe es Zuschüsse vom Freistaat. Für die Mahle-Leute eine ziemlich leise klingende Zukunftsmusik. Für sie wird in den kommenden Monaten entscheidend sein, wie die konzerninterne Prüfung der Marktchancen neuer Produkte ausfällt.
Mehrfach betonte Dr. Norbert Dicks gestern im Pressegespräch, dass bei dieser Prüfung die Wirtschaftlichkeit Priorität habe. Klar ist also: Der Mahle-Konzern wird sich keinen Verlustbringer in Alzenau leisten - unabhängig von allen Solidaritätsbekundungen für die Belegschaft.