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"Wir sollten unsere Stärken nutzen"

Sonderausgabe der Mainpost,

Wie die EU-Abgeordnete Anja Weisgerber die Chancen Mainfrankens in Europa sieht

Europa besteht aus 450 Regionen - eine davon ist Mainfranken. Die Schweinfurter EU-Abgeordnete Anja Weisgerber will ihre Heimatregion im Wettbewerb der Regionen stärken.

FRAGE: Europa hat ein Imageproblem, vielen Menschen macht der immer größer werdende Binnenmarkt Angst. Zu Recht?
ANJA WEISGERBER: Ich denke, dies ist auch ein Problem der Wahrnehmung. Viele Menschen verbinden mit dem europäischen Binnenmarkt Ängste. Gerade für Deutschland als Exportnation birgt dieser Binnenmarkt aber größere Chancen als für unsere europäischen Nachbarn. Nur leider wird das viel zu wenig gesehen. Die EU ist heute schon mit 27 Mitgliedsstaaten und rund 490 Millionen Konsumenten der größte Wirtschaftsraum der Erde. 63 Prozent unserer Exporte gehen in den EU-Binnenmarkt - das sichert bei uns viele Arbeitsplätze! Und: Unterfranken ist durch die EU-Osterweiterung nicht mehr Grenzgebiet, sondern liegt jetzt im Herzen Europas, und ist schon heute Dreh- und Angelpunkt europäisch tätiger Unternehmen.

Dennoch, viele Menschen empfinden gerade die Osterweiterung der EU als Bedrohung für die Region.
WEISGERBER: Ich weiß, was Sie meinen. Dabei hat die Region doch ihre Stärken. Wir sind ein herausragender Wissenschaftsstandort, mit der Uni Würzburg und den Fachhochschulen in Würzburg, Schweinfurt und Aschaffenburg. Wir haben eine sehr gute Lage mit hervorragenden Verkehrsanbindungen und haben viele - oft mittelständisch geprägte - innovative Wirtschaftsunternehmen. Und natürlich haben wir unsere historische Kulturlandschaft.

Wie sieht es mit den Chancen für junge Unternehmen aus?
WEISGERBER: Ich habe in einem Förderleitfaden für Unterfranken versucht, genau diese Chancen herauszuarbeiten. Es fließen ja viele Gelder zurück und das ist auch gut für uns. Wir wollten in diesem Leitfaden einen Beitrag zur Entbürokratisierung leisten. Es sind kurz und knapp die verschiedenen Programme mit den regionalen Ansprechpartnern aufgelistet. Und wir haben uns immer gefragt: Welche Programme sind denn besonders interessant für Unterfranken?

Und was wäre das zum Beispiel?
WEISGERBER: Als eine der besten Universitäten Deutschlands hat die Uni Würzburg von der bisherigen Forschungsförderung der EU (6. Forschungsrahmenprogramm bis Ende 2006) stark profitieren können. Wir reden hier über Millionenbeträge! Auch die Förderung im ländlichen Raum ist gerade für Unterfranken wichtig.

Warum jetzt dieser Leitfaden?
WEISGERBER: 2007 beginnt eine neue Förderperiode für EU-Gelder. Die Regeln, die jetzt verabschiedet wurden, gelten für die nächsten sieben Jahre. Ich wollte, dass Unterfranken von Anfang an gut aufgestellt ist in dem Wettbewerb um diese Gelder. Außerdem hat sich die Zuteilung der Mittel aus dem größten Fördertopf - dem EFRE (Europäischer Fonds für die Regionale Entwicklung) - geändert. Die strikte Aufteilung in Zielgebiete ist aufgehoben worden. Zudem wurden die Kompetenzen für die Verteilung der Mittel weiter nach Bayern verlagert. Die stärkere Dezentralisierung finde ich sehr gut.

Klingt nach Aufbruchstimmung?
WEISGERBER: Ja, wir wollten Unterfranken hier einen Vorsprung im Wettbewerb der Regionen verschaffen. Meines Wissens gibt es einen derartigen Leitfaden bislang in keiner anderen Region Deutschlands.

Der Würzburger Professor Ulrich Ante warnt immer wieder davor, dass Würzburg und die Region zwischen den Ballungsräumen Frankfurt, Stuttgart und Nürnberg zerrieben werden könnte?
WEISGERBER: Ich denke, wir sollten auch mal unsere Stärken sehen. Es gibt gerade in unserer Region viele innovative mittelständische Betriebe, auf die wir setzen sollen. Da entstehen auch viele Arbeitsplätze. Ich sehe es eher als Ergänzung, dass man eben auch in Frankfurt oder Nürnberg arbeiten könnte.

Nimmt man eine Region wie Mainfranken in Brüssel oder Straßburg denn überhaupt wahr?
WEISGERBER: Natürlich! Die Würzburger Oberbürgermeisterin Pia Beckmann war schon in Straßburg und hat die Stadt mit einer großen Ausstellung vorgestellt. Und sie hat Gespräche mit der für die Regionalförderung zuständigen Kommissarin Danuta Hübner und auch mit Industrie-Kommissar Günter Verheugen geführt. Auch die Stadt Bad Kissingen war schon in Brüssel, noch in diesem Jahr kommt der Kreistag Main-Spessart. Es geht heute sehr stark darum, sich miteinander zu vernetzen. Es ist daher mein Ziel, sehr eng mit den Kommunalpolitikern zusammenzuarbeiten. Und wir sind da auf einem sehr guten Weg.

Das gespräch führte Michael Deppisch