Schweinfurter Tagblatt
Nicht nur der Einzelhandel hofft auf die EU-Abgeordnete Dr. Anja Weisgerber
WÜRZBURG Als "Anwältin für Unterfranken" sieht sich die frisch gebackene Schweinfurter EU-Abgeordnete Dr. Anja Weisgerber. Keine leichte Aufgabe für die Juristin, denn die Wünsche der Interessengruppen sind vielfältig, häufig auch konträr. Lösungen soll eine vom CSU-Bezirksverband gegründete "Arbeitsgruppe Europa" finden. Die Mitgliederliste liest sich wie ein Who-is-Who der regionalen Entscheidungsträger.
Zum ersten Mal traf sich die deutschlandweit einmalige Arbeitsgruppe Ende Juli zur konstituierenden Sitzung, zwei weitere Runden soll es in diesem Jahr geben. Die parlamentsfreie Zeit nutzt Anja Weisgerber, um die Mitgliedsorganisationen und deren Wünsche kennen zu lernen. Den Anfang machte sie beim Landesverband des Bayerischen Einzelhandels (LBE) in Würzburg.
"Unser wichtigstes Thema ist die Entbürokratisierung", sagt LBE-Bezirksgeschäftsführer Peter Collier. "Derzeit muss ein Kaufmann 200 Verordnungen im Kopf haben." Außerdem sähe man es gerne, wenn sich die EU in manchen Dingen nicht zu sehr einmischen würde. Als Beispiel nennt er die Diskussion darüber, ob man Werbung für Süßigkeiten verbieten solle. Auch beim Ladenschluss brauche es keine EU-einheitliche Regelung. "Der Verbraucher ist mündig und sollte nicht bevormundet werden", so Collier. Auch das Thema Dosenpfand wurde angesprochen. Hier sei, so Collier, in Deutschland einiges in die Irre gelaufen. Hier könne man über eine EU-weite Lösung nachdenken – beispielsweise über eine einmalige Abgabe pro Flasche statt eines komplizierten Pfand-Systems. Beim Kauf einer Mehrwegflasche müsse der Kunde daher nur feinen Bruchteil dieser Abgabe zahlen. Einwegflaschen würden automatisch teurer und damit für den Verbraucher uninteressanter.
Das dürfte auch im Sinne von Anja Weisgerber sein, für die der Umweltschutz nach ihren Worten "eine Herzensangelegenheit ist". Deshalb freue sie sich besonders, in Brüssel in den Ausschuss Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit gewählt worden zu sein. Außerdem sitzt die 28-jährige im Ausschuss für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten.
Die Liste mit den Antrittsbesuchen, die Weisgerber für die nächsten Monate geplant hat, ist lang: Weitere Mitglieder der AG sind unter anderem die Spitzenvertreter des Bauernverbandes, der Industrie- und Handelskammern, des Weinbauverbandes, der Uni Würzburg, der Fachhochschulen, des Bezirks Unterfanken sowie die Oberbürgermeisterinnen von Schweinfurt und Würzburg.
Eine ganze Menge unterschiedlichster Ansprüche, die da an eine Europa-Abgeordnete gestellt werden. Wie will sie dem gerecht werden? "Genau deshalb haben wir ja die AG gegründet", sagt Weisgerber. "Es ist wichtig, dass man alle an einen Tisch bringt und gemeinsam zu Lösungen kommt." Zwar wurde die AG Europa von den CSU-Mitgliedern Anja Weisgerber, Ursula Schleicher und Eberhard Sinner gegründet, stellt aber ein überparteiliches Gremium dar. Einen weiteren Schritt, um "Europa den Bürgern näher zu bringen", sieht Weisgerber in der Eröffnung ihres Schweinfurter EU-Büros. Zweimal wöchentlich – freitags und am Montagvormittag – will sie für Fragen rund um die EU ansprechbar sein.