www.infranken.de, 11. Oktober 2012
Solarkraftwerke produzieren umweltfreundlichen Strom aus Sonnenenergie. Das weiß heute jedes Kind. Moderne Solarkraftwerke können aber noch mehr, sagt Martin Zembsch, Geschäftsführer der Belectric GmbH. Gestern erklärte er einer politischen Fachdelegation, wie Solarkraftwerke das Stromnetz stabilisieren und vielleicht den umfangreichen Trassenausbau reduzieren könnten. Zu Gast im Kitzinger Innopark waren dafür Katherina Reiche, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Michael Glos, Bundesumweltminister a.D., und Anja Weisgerber, umweltpolitische Sprecherin der CSU im Europaparlament.
Leistung und Verbrauch variieren
"Das Grundproblem im Energiewandel ist, dass sich bei Einspeisung erneuerbarer Energien wie Wind- und Solarkraft die Netzqualität verringert", erklärte Zembsch. Der Strom wird von vielen Kraftwerken an unterschiedlichen, dezentralen Netzpunkten ins Stromnetz eingespeist, während ihre tatsächliche Leistung durch die Verfügbarkeit von Sonne oder Wind variieren kann. ? "Das Ergebnis: Schwankende Netzspannungen, die aber in einem vorgeschriebenen Korridor gehalten werden müssen - egal, wer wann wie viel Strom braucht." Das ist die große Herausforderung der Energieversorger, denn bei extremen Spannungsüberschreitungen - egal, ob nach oben oder unten - schaltet sich das Netz ab.
Die Lösung ist die Phasenverschiebung von Strom und Spannung - die so genannte Blindleistung -, durch die sich die Netzspannung kontrolliert erhöhen und absenken lässt. "Die Bereitstellung und der Bezug von Blindleistung vor Ort kann also die Spannungsschwankungen im lokalen Netz ausgleichen", so Zembsch. Bislang wird die Blindleistung vor allem von konservativen Großkraftwerken bezogen, was Netzkapazitäten bindet. In Zukunft, wenn die erneuerbaren Energien dezentral weiter ausgebaut werden, werden auch dafür neue Stromtrassen erforderlich. Dabei könnten laut Zembsch größere Solarkraftwerke, wie beispielsweise das in Düllstadt, diese Aufgabe vor Ort viel effektiver erfüllen.
"Es wird nur ein Bruchteil dessen ausgenutzt, was moderne Solarkraftwerke können." Bislang werden zehn Prozent der produzierten Strommenge als Blindleistung genutzt, obwohl neuere Kraftwerke die Technologie besitzen, Blindleistung unabhängig von der Stromproduktion bereitzustellen. "Wir können 100 Prozent der Leistung für die Stromproduktion nutzen oder einen Teil davon für Blindleistung zur Verfügung stellen." Zusätzlich könnte die ungenutzte Leistung nachts oder an Tagen, an denen infolge der Lichtverhältnisse weniger Strom produziert wird, ebenfalls dafür herhalten, Spannungsproblemen entgegenzuwirken.
Spannung live beeinflusst
Anschaulich wurde die ganze Theorie im Leitstand der Firma, wo Constantin Wenzlik, Geschäftsführer der Padcon Photovoltaik-Technik, den Gästen in Echtzeit demonstrierte, wie man durch diese Technologie die Netzspannung beeinflussen kann. Ein großer Bildschirm zeigte zwei Kurven: die reale Netzspannung in Schwarzach und die Blindleistung des Düllstadter Solarkraftwerkes. Erstere lag bei 230 Volt, zweitere bei null. Wenzlik steuerte die so genannte Wechselrichterkontrolleinheit im Kraftwerk an und regulierte die Netzspannung damit erst auf 234 Volt, kurze Zeit später auf 228 Volt. Die Kurven gingen kaum eine Sekunde später nach oben, respektive nach unten, was bedeutet: Das Kraftwerk begann sofort, die Spannung mit seiner Blindleistung in die gewünschte Richtung zu regulieren. "Keine Angst, das haben wir mit dem Energieversorger abgesprochen - normalerweise ist die Regulierung nicht die Aufgabe des Netzbetreibers, wir stellen nur die Technologie zur Verfügung", beschwichtigte Wenzlik besorgte Fragen aus der Politikerrunde.
Solche integrierte netzstabilisierende Freiflächen-Solarkraftwerke arbeiten laut Martin Zembsch also Tag und Nacht - auch wenn die Sonne nicht scheint - und können so die Spannung im Stromnetz stabilisieren. "Das spart Netzausbaukosten ein und vermeidet Landschaftsverbrauch durch Strommasten."
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