primaSonntag, 08. April 2012
Ein pompöses Gebäude, blaue Stühle so weit das Auge reicht und 27 wehende Fahnen für 27 Mitgliedstaaten – das sind die Markenzeichen des Europäischen Parlaments in Straßburg. Wenn sich die 754 Abgeordneten zur Plenarsitzung treffen, wird „Tacheles“ geredet. Dann geht es um wichtige Entscheidungen. Entscheidungen, die uns alle am Untermain betreffen und für die eine Frau mit Leib und Seele kämpft: Dr. Anja Weisgerber. Sie vertritt unsere Interessen in Straßburg und Brüssel. PrimaSonntag-Redakteurin Angela Arlt hat sie vor Ort zum exklusiven Interview getroffen.
Frau Weisgerber, egal ob z.B. in Alzenau oder Klingenberg, der Weinanbau ist ein wichtiges Thema in unserer Region und das soll auch so bleiben oder?
Ja, auf jeden Fall. Der Weinbau ist für unsere Kulturlandschaft wichtig. Daher setzte ich mich für die weitere Bewirtschaftung der Steillagen ein. Auch für den Tourismus und unsere unterfränkische Wirtschaft ist der Weinanbau ein entscheidender Faktor. Wenn ich von einem europäischen Kollegen gefragt werde, wo ich her komme, sage ich immer: ‚Aus einer wunderschönen Weinregion und darauf bin ich stolz.
Sie sind oftmals für Vereinheitlichungen, trotzdem haben Sie sich dafür eingesetzt, dass der Bocksbeutel erhalten bleibt - Sie wurden auch schon als „Mrs. Bocksbeutel“ bezeichnet – wieso?
In allen Mitgliedstaaten gibt es Traditionen, für deren Erhalt es sich zu kämpfen lohnt. In Unterfranken gehört dazu natürlich unsere Weintradition. Der Bocksbeutel ist das Markenzeichen unseres Frankenweins. Der Bocksbeutel ist europaweit bekannt, man weiß, dass da ein guter fränkischer Wein drin ist. Wir sind stolz, dass nur wir und ganz wenige andere Regionen in Europa diese besondere Flaschenform verwenden dürfen. Daher habe ich mit viel Herzblut für diesen Schutz gekämpft.
Wie haben Sie sich im Europäischen Parlament eine Mehrheit geholt, um den Bocksbeutel am Leben zu erhalten?
Wir brauchen natürlich nicht nur Abgeordnete aus Deutschland, die ein Gesetz unterstützen, sondern auch Kollegen aus den anderen Mitgliedstaaten. Ich bin damals mit drei Bocksbeuteln verschiedener Lagen nach Brüssel gereist, um deutlich zu machen, wie wichtig der Bocksbeutel für unsere fränkischen Traditionen und unsere Vielfalt ist. Nachdem das Parlament mit großer Mehrheit zugestimmt hatte, konnten wir den Rat überzeugen.
Dank des Europäischen Parlaments werden jetzt europaweit Airbags einheitlich gekennzeichnet. Das betrifft auch die Aschaffenburger Firma Takata Petri - wo liegen die Vorteile?
Europaweit einheitliche Regeln – nicht nur bei der Kennzeichnung, sondern auch bei den Sicherheitsanforderungen – bringen viele Vorteile. Bislang musste Takata Petri in den 27 einzelnen Mitgliedstaaten verschiedene Vorschriften einhalten. Die nun beschlossenen einheitlichen europäischen Regelungen erleichtern den innereuropäischen Handel und befördern so den Export.
Welche Vorteile haben die Untermainer vom Europäischen Binnenmarkt - dem größten Wirtschaftsraum der Welt?
Der Europäische Binnenmarkt bringt uns viele Vorteile. Über 60 Prozent unserer Exporte gehen in den Binnenmarkt. Das bedeutet, auch am Bayerischen Untermain hängt jeder fünfte oder sechste Arbeitsplatz vom europäischen Binnenmarkt ab. Deswegen treiben wir die Harmonisierung weiter voran, damit der Wirtschaftsraum von 500 Millionen Verbrauchern, ohne Zölle, ohne Handelshemmnisse, noch besser funktionieren kann und wir diese Erfolgsgeschichte fortschreiben können.