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Neue EU-Richtlinien bedrohen den Escherndorfer Lump

Die Welt am Sonntag, 23. September 2007

Von Torsten Geiling
Wäre ein Jahr in den Weinbergen ein Fußballspiel, hätten die fränkischen Winzer zur Halbzeit 4 : 0 geführt. Das war im Juni. Da kündigte sich noch ein ähnlich guter Jahrgang an wie 2006. Aber dann ließ der Sommer die Winzer nasskalt im Regen stehen. "Jetzt, zu Beginn der Lese, da noch zehn Minuten zu spielen sind, steht es 4 : 3. Wir führen noch, aber es ist Kampf angesagt, um nicht zu verlieren, " sagt Horst Sauer. Der Mann mit dem Dreitagebart und der sonnengegerbten Haut weiß, wovon er spricht. Er lebt im Maindreieck, das gleichzeitig auch das Zentrum des fränkischen Weinbaus ist.Im weiten Bogen umfließt auf einem steilen Bergrücken ein Rebenmeer den Fluss und öffnet sich nach Süden.

Dieses "Amphitheater" schützt im Winter vor kalten Winden und fängt im Sommer die Sonnenstrahlen wie ein Hohlspiegel ein. An halsbrecherischen Steilhängen und besonders in der Lage Escherndorfer Lump wachsen Qualitätsweine, die auf der ganzen Welt heiß begehrt sind. Dazu hat auch Horst Sauer einen Beitrag geleistet, der vor drei Jahren unter 10 000 Weinmachern in London zum besten Weißweinmacher der Welt gekürt worden war.Doch nun sagt er: "Die Lese entwickelt sich kompliziert." Frühreife Sorten wie der Müller-Thurgau haben nur einen Öchslegehalt um die 80 erzielt. "Beim Qualitätswein werden wir wohl eine Anreicherung brauchen", sagt Horst Sauer und meint damit die Beigabe von Zucker, um den Mangel an Sonne auszugleichen und auch höhere Alkoholwerte zu erzielen. Dieses Verfahren hat in Anbaugebieten nördlich der Alpen schon seit der Römerzeit Tradition.

Doch die Dänin Mariann Fischer Boel interessiert das nicht. Die Agrarkommissarin der Europäischen Union will die Weinanreicherung mit Saccharose künftig verbieten. Stattdessen sollen die deutschen Winzer nach dem Kommissionsvorschlag zur EU-Weinmarktreform künftig rektifiziertes Traubenmost-Konzentrat (RTK) verwenden. Damit will die Agrarkommissarin unter anderem Europas Weinüberproduktion abbauen und den vergorenen Traubensaft aus der Alten Welt wieder attraktiver machen.

Jedes Jahr produzieren vor allem Winzer in Spanien, Italien und Frankreich so viel minderwertigen Tafelwein, dass sich damit leicht tausend Schwimmbäder füllen ließen. 15 Prozent der europäischen Jahresproduktion, den aber niemand trinken will. Weswegen die EU jährlich von 1,3 Milliarden Euro Haushaltsmitteln rund 600 Millionen Euro ausgibt, um aus dem Wein Industriealkohol zu destillieren.

So eine Überproduktion gibt es in Deutschland nicht. Hier bauen die Winzer ihre Trauben zu 95 Prozent zu Qualitätsweinen aus. Allerdings möchten sie das auch künftig ohne RTK tun. "Für mich wäre das undenkbar, weil der Most nicht geschmacksneutral ist", sagt Horst Sauer, "man soll doch die Heimat des Weines auf der Zunge spüren." So verliere man die Glaubwürdigkeit bei den Kunden, und er könne nicht mehr mit hundertprozentiger Überzeugung auf die Flaschen schreiben, dass dieser Riesling vom Escherndorfer Lump stammt.

Wenn es nach Mariann Fischer Boel geht, muss er das auch nicht. Denn die Kommission plant auch neue Etikettierungsvorschriften. Dort sollen am besten neben der Region nur noch die Rebsorte und der Jahrgang stehen. "Damit würde der Terroirgedanke großer Weine zunichtegemacht, weil alles über die Lage kommuniziert wird." Würden Bezeichnungen wie "Würzburger Stein" oder "Volkacher Ratsherr" abgeschafft, könnte der Kunde nicht mehr auf Lageweine mit ihrem typischen Charakter und ihrer Qualität zurückgreifen.

Zumal die EU auch die deutsche Qualitätsweinprüfung abschaffen und ein System der Klassifizierung nach Ursprungsbezeichnungen und geografischen Angaben wie beispielsweise in Frankreich etablieren möchte. "Die EU würde mit einem Federstrich als Totengräber fungieren", ergänzt der Geschäftsführer des Fränkischen Weinverbandes, Hermann Schmitt.

Der Winzer Roman Sauer, mit Horst Sauer nicht verwandt, sieht das etwas differenzierter. "Die fränkischen Weinlagen sind Bestandteil unserer Kultur. Es sind aber vor allem die älteren Weintrinker, die noch gezielt nach Lage kaufen. Die Jungen orientieren sich längst an der Rebsorte und dem jeweiligen Erzeuger", sagt der Winzer, der Franken bei den Münchner Weintagen am Chinesischen Turm vertritt. "Die Kunden wollen die Menschen sehen, die hinter dem Wein stehen. Sie wollen sich mit dem Betrieb identifizieren."

Sauers Betrieb erreicht der Besucher, wenn er von Escherndorf mit der Mainfähre nach Nordheim übersetzt. In der größten Winzergemeinde Frankens sind Weingüter wie Trauben an den Reben dicht an dicht entlang der Dorfstraße aufgereiht. Die Mehrzahl der 1040 Einwohner arbeitet in einem der 200 umliegenden Winzerbetriebe.

Roman Sauer beliefert heute mehr als 2000 Kunden in 22 Ländern mit 38 verschiedenen Weinen. Allein der Privatkundenkreis hat sich in den letzten 15 Jahren um 500 Prozent erweitert. "Auf einem Drittel unserer elf Hektar erzeugen wir Rotwein. Üblich sind in Franken nicht mehr als 20 Prozent", erklärt Roman Sauer Touristen aus Oberbayern und dem Rheinland seine Philosophie. Die beginnt bei Sauer am Weinberg, setzt sich im Keller fort, wo sein Sohn Christian den Wein ausbaut, und gipfelt in einem intelligenten Marketing. An der Mainschleife wird der Wein nicht nur produziert, sondern auch an Besucher direkt verkauft. In Franken wird jährlich Wein für 180 Millionen Euro verkauft. Wenig im Vergleich zu den etwa zwei Milliarden Euro, die Weintouristen in der einmaligen Kulturlandschaft mit ihren reizvollen Steilhängen insgesamt jährlich ausgeben.

Doch damit könnte es schon bald vorbei sein, ist doch die Arbeit dort besonders beschwerlich. "Wer wird sich das noch antun, wenn ab 2014 die Pflanzungsbeschränkungen fallen", fragt sich nicht nur Roman Sauer. "Die Steillagen sind ein Markenzeichen für den fränkischen Weinbau. Ihr Verschwinden wäre eine Katastrophe." Doch genau das könnte die EU begünstigen, wenn sie erst Prämien für die Rodung von 200 000 Hektar zahlt und dann den Weinanbau überall erlaubt.

In Bezug auf die Rodungen ist die EU-Kommission allerdings auf Druck des Parlaments von ihren ursprünglichen Plänen abgewichen und hat die geplanten Flächen halbiert. Außerdem bestehe kein Zwang zur Stilllegung, und die Mitgliedstaaten könnten die Steillagen nun von den Rodungen ausnehmen, sagt die CSU-Europaabgeordnete Anja Weisgerber. "Der Steillagenanbau kann von Deutschland sogar explizit gefördert werden, weil die Reform weitere Gestaltungsspielräume in Form eines nationalen Budgets vorsieht", sagt die unterfränkische Abgeordnete. Allerdings sieht auch sie ein Problem in der geplanten Aufhebung der Pflanzungsbeschränkung ab 2014, da so eine Zersplitterung der deutschen Weinbaugebiete droht. "Dagegen werden wir Sturm laufen, denn Wein ist kein bloßes Handelsgut, sondern ein traditionelles Kulturgut in Franken."

Bei den Etikettierungsvorschriften oder der Saccharoseanreicherung stieß das Parlament allerdings bei Mariann Fischer Boel auf taube Ohren. "Das Qualitätssystem hat sich bewährt. Die Lagenbezeichnung und auch der Bocksbeutelschutz müssen erhalten bleiben", fordert Anja Weisgerber, auch wenn die Entscheidungsgewalt allein beim Europäischen Rat liegt. Doch auch dort hat sich eine breite Oppositionsfront gebildet. Wind, Wetter und Politik seit Jahrzehnten ausgeliefert, blickt Roman Sauer derweil relativ gelassen in die Zukunft: "Unsere Hauptaufgabe muss es in den nächsten Jahren sein, den Weintrinker mehr für deutschen Wein zu sensibilisieren. Wenn wir dies erreichen, sind wir auch gegenüber neuen Verordnungen der EU besser gerüstet."