Schweinfurter Tagblatt
Schwebheim. Ein Sprichwort sagt: Das Glück ist mit den Tüchtigen. Tüchtig ist die unterfränkische CSU-Kandidatin für das Europaparlament Anja Weisgerber aus schwebheim (Lkr. Schweinfurt) bestimmt; Ihr Glück war, dass mit Ursula Schleicher nach 25 Jahren nicht nur ein Europa-Urgestein abtritt, sondern ihre Wahl zur Nachfolgerin mit nur einer Stimme Unterschied erfolgte.
Der Sitz im Straßburger Parlament ist CSU-Frau Weisgerber sicher – wenn nicht geradezu unvorstellbare Dinge mit dem bayerischen Wahlergebnis geschehen: Sie steht auf Platz vier der CSU-Liste. Das hat indes nicht dazu geführt, dass es sich die 28-jährige in ihrem ersten richtigen großen Wahlkampf bequem gemacht hätte: "Ich mache eher mal 100 Prozent, wo 90 reichen würden. Das schlaucht ganz schön." Geschont hat sie sich in der Tat nicht: Geradelt und gelaufen ist sie, hat Politik gemacht – mit Pizza und Pasta vermischt – und an Infoständen zum hundertsten Mal erläutert, warum so ein junger Mensch schon ins Europaparlament einziehen sollte.
Ihre Jugend bringt die Juristin mit Doktortitel manchmal unter Erklärungsdruck: Dann merkt man ihr die defensive an, aus der sie gegen unausgesprochene Vorurteile wie mangelnde Berufserfahrung, außerhalb der Politik und Unerfahrenheit ankämpft. Dabei weiß sie selbst, dass sie in große Schuhe schlüpft: Immerhin war Schleicher seit der Einrichtung des Parlaments 1979 immer dabei. "Natürlich stehen mir Lehrjahre bevor, aber ich genieße einen großen Vertrauensvorschuss in meiner Partei und diese Leute will ich nicht enttäuschen", sagt Weisgerber. Mit der Sicherheit dieses Rückhalts ließ sie Kritik übe ihre Nominierung anstelle der erfahrenen Kommunalpolitikerin Brigitte Meyerdierks aus Bad Brückenau verstummen.
An Pfeffer fehlt es ihr nicht, wenn sie aus dem Wahlkampf-Auto mit der Nummer SW-EU 2004 aussteigt und sich auf die Begegnung mit Wählern einstellt: Die Pfeffermischung in Tüten mit ihrem Konterfei, die "reißenden Absatz" findet, soll bis aufs Butterbrot daran erinnern, dass es die "Schwarzen" sind, die so Wahlkampf machen. Dabei hat die Wahl der "Waffen" autobiographische Züge: Der Vater, ein Gewürz- und Kräuterunternehmer , hilft beim Organisieren und bei Personalentscheidungen, die Mutter hält der Tochter als Fahrerin an anstrengenden Tagen den Rücken frei.
Denn aus der hohlen Hand meistert die junge Schwebheimerin die Ochsentour nicht. Oft musste die gelernte JU-Umweltpolitikerin Neuland betreten. Zarter Hinweis darauf der mitunter gebrachte Satz: "Das ist die Parteilinie, aber auch meine Meinung." Denn ganz leicht ist es nicht den Spagat zu finden zwischen den zuweilen eurokritischen Tönen der Mutterpartei und der Europa-Begeisterung, die von der angehenden Parlamentarierin erwartet werden muss.
Politisch gibt ihre Biografie, die Schwerpunkte vor: "Als Juristin ist mir an Sicherheits- und Rechtsfragen wie der grenzüberschreitenden Kriminalitätsbekämpfung gelegen. Dazu kommt die Wirtschaftspolitik, die ich als Politik für den Mittelstand sehe," dessen Probleme sie vom väterlichen Betrieb her kennt. Ihr Herzensanliegen ist die Umweltpolitik, die sie bei der JU betrieb, sowie die Kultur-, Sport- und Jugendpolitik, für die sie sich als frühere bayerische Tennismeisterin qualifiziert.
Der Sprung ins Europaparlament wird für die 28-jährige ein großer Schritt, ja ein Abenteuer. Das Tanzen bei der Schwebheimer Kirchweih in fränkischer Kluft wird sicher seltener möglich. Heimatverbunden wie sie ist, will sie nicht als Abgeordnete auf Nimmerwiedersehen abtauchen. Anja Weisgerber weiß, wo ihre Wurzeln liegen, aber sie geht auch ehrgeizig und zielstrebig ihren Weg. Auch wenn er weit von der Heimat weg in die Arena Europa führt.
Fünf Jahre – eine Weichenstellung im Leben der jungen Frau: Ist also die Entscheidung gegen Kinder gefallen? Nein, schüttelt sie energisch den Kopf! Doch zunächst ist die unmittelbare Zukunft zu planen: Die Arbeit im Parlament werde sie mit Hilfe von Weggefährten gestalten, sich Tipps von Ursula Schleicher holen. Eine Wohnung werde sie in Brüssel nicht nehmen, das sei zu teuer. Anja Weisgerber hat sich Gedanken gemacht. Dennoch wird der Start hart – nach dem anstrengenden Wahlkampf. Denn weniger stressig wird das Parlament sicher nicht.