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Kippt der Franken-Bocksbeutel?

Prima Sonntag

Würzburg/Brüssel (clap) – Bis zu 70 Millionen Hektoliter an europäischem Wein werden Jahr für Jahr zuviel produziert. Die Hälfte der 1,3 Milliarden Euro, die die EU jedes Jahr in den Weinsektor steckt, wird allein für die Beseitigung des überschüssigen Weines ausgegeben. Eine Reform des europäischen Weinmarktes soll diesen Weinsee austrocknen. Doch die mittelfränkischen Winzer befürchten, bei der Reform den Kürzeren zu ziehen. Denn die Vorschläge der EU-Kommission zielen auf weitreichende Veränderungen, es wackelt sogar der Schutz des fränkischen Bocksbeutels.
Die Lage ist ernst. Denn die Agrarminister der EU begannen am Montag, die Vorschläge der EU-Kommission für die Weinmarktreform zu erörtern. Diese Vorschläge aber hatten in keiner Weise die Vorschläge der Versammlung der Europäischen Weinbauregionen AREV berücksichtigt. Und nicht nur den fränkischen Winzern schmecken so einige Punkte überhaupt nicht.
Deutsche Winzer benachteiligt
Strittig ist die geplante Lockerung der Etikettierungsvorschriften. Danach würde es in Zukunft für den Verbraucher schwieriger, zwischen Tafel- und Qualitätsweinen zu unterscheiden. Die deutschen Winzer, die zu 95 Prozent Qualitätsweine herstellen, würden damit im Wettbewerb benachteiligt. „ Es gilt noch immer, die historisch gewachsenen Eigenheiten der Regionen zu schützen“, fordert Hermann Schmitt, Geschäftsführer des Fränkischen Weinbauverbandes und meint damit nicht nur die Etikettierungsvorschriften, sondern auch den Bocksbeutel. Brüssel müsse erkennen, dass der Bocksbeutel eine Marke sei und nicht nur eine Flaschenform, die sich von anderen unterscheide.
Von Rodungen kaum betroffen
Drastische Rodungen, die wiederum von der EU bezuschusst werden, wird es glücklicherweise nicht geben, vor allen Dingen nicht in den Regionen, in denen sowieso nicht zu viel Wein produziert wird, wie es in Franken der Fall ist. Am Montagabend war immerhin klar, dass die Kommission der Meinung des Europäischen Parlaments folgt und deutlich weniger Rodungen vorgesehen sind. Zudem werden diese hauptsächlich in den Regionen vorgenommen, in denen unrentabler und qualitativ minderwertiger Tafelwein produziert wird. „Wir sind in Unterfranken mit unseren hochwertigen Qualitätsweinen sehr gut aufgestellt“, weiß Dr. Anja Weisgerber, Mitglied des Europäischen Parlaments. „ Deshalb werden wir von den Rodungen kaum betroffen sein.“
Kein Zucker mehr im Wein
Und dann plant die EU auch noch ein Anreicherungsverbot von Saccharose. Haushaltszucker, gewonnen aus Zuckerrüben oder Zuckerrohr, darf demnach nicht mehr zur Alkoholerhöhung eingesetzt werden. Stattdessen soll Traubenmost den Zuckergehalt erhöhen dürfen. Doch Most ist nicht geschmacksneutral und verändert den Charakter des Weines. Auch dieses Verbot zielt in erster Linie darauf ab, die Überschussproduktion einzudämmen. Doch Überschuss gibt es eben hauptsächlich in den südlichen Ländern. Und die müssen erst gar nicht mit Saccharose anreichern. „Gerade die deutschen Weine, die wegen ihrer hohen Qualität weltweit geschätzt werden, sind von dem Anreicherungsverbot betroffen“, bemängelt Dr. Anja Weisgerber. „Das bedeutet eine einseitige Diskriminierung unserer klimatisch benachteiligten Anbauregionen.“ Soll weißer Qualitätswein aus Franken etwa demnächst nach rotem Traubensaft aus Spanien schmecken? Doch Hermann Schmitt sieht in dem Anreicherungsverbot kein Problem: Die fränkischen Qualitätsjahrgänge waren in den letzten Jahren so exzellent, dass es gar nicht nötig war, den Alkoholgehalt über Zuckerbeigaben zu erhöhen. „Doch wenn Amerikaner weiterhin Saccharose einsetzen, wieso soll es dann europäischen Winzern verboten werden?“, fragt Schmitt. Die fränkischen Winzer sehen sich in ihren wirtschaftlichen und qualitativen Ansprüchen durch die Vorschläge der EU-Kommission nicht nur benachteiligt, sondern bedroht.
Ziel muss es sein, das gewohnte Qualitätsniveau zu sichern, den Weinbau als regionale Sonderkultur zu bewahren und die durch den Weinbau geprägte Kulturlandschaft mit ihren Besonderheiten zu erhalten. Die Kommission will, dass die Reform im August 2008 in Kraft tritt. Auch die portugiesische Ratspräsidentschaft hat die Weinmarktreform zu einer ihrer Prioritäten erklärt und drängt auf ein schnelles Verfahren. Portugal, das den Kommissionsplänen ebenfalls kritisch gegenübersteht, will noch in diesem Jahr eine Einigung auf „politische Leitlinien“ erreichen. In den kommenden Wochen werden die Experten der EU-Mitgliedsstaaten daher mit der Kommission nach einem Kompromiss suchen. Ein idealer Zeitpunkt für die fränkischen Winzer, auf ihre Belange aufmerksam zu machen. Am Montag übergaben sie in Brüssel ihre Forderungen den EU-Agrarministern. Und sie fielen den Ministern auf, denn Hermann Schmitt kam in einem Bocksbeutel-Kostüm.