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„Kindesmissbrauch passiert überall“

Die Kitzinger, 10. März 2010

Stephanie zu Guttenberg setzt sich für missbrauchte Kinder ein – Besuch im Antonia-Werr-Zentrum
Es sind wohl junge Frauen wie Josi und Nathalie, die Stephanie Freifrau von und zu Guttenberg Mut machen. Die sie darin bestärken, weiterzumachen – mit ihrem Kampf gegen Kindesmissbrauch. Zu Guttenberg ist Präsidentin von Innocence in Danger (Unschuld in Gefahr) Deutschland, einem Verein, der sich um die Aufklärung und Prävention von Kindesmissbrauch kümmert. In dieser Position besuchte sie am Montag das heilpädagogisch-therapeutische Antonia-Werr-Zentrum und damit auch Josi und Nathalie – auf Einladung der Frauenunion der CSU Schweinfurt-Land.
Hinter der Klosterkirche zur heiligen Familie in St. Ludwig – dem Antonia-Werr-Zentrum – sieht es idyllisch aus. Die Häuser sind bunt, wirken freundlich und einladend. In den mit Bastelarbeiten verzierten Fenstern spiegelt sich die Sonne. Schmale Fuß-Wege schlängeln sich zwischen den Gebäuden hindurch. Bäume säumen den Weg. Es ist ruhig. Kein Lärm. Keine Autos.
Das Antonia-Werr-Zentrum ist eine heilpädagogisch-therapeutische Einrichtung für Mädchen und junge Frauen. Mädchen, die oft Unfassbares erlitten haben, Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch geworden sind.
„Seit Jahren nehmen wir junge Menschen auf, die Unvorstellbares durchgemacht haben“, sagt Alfred Hußlein, Erziehungsleiter und stellvertretender Gesamtleiter des Antonia-Werr-Zentrums. Viele junge Frauen sind durch die Hölle gegangen, bevor sie in der kirchlichen Einrichtung ein neues Zuhause gefunden haben. Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch – etwa die Hälfte der Mädchen hier hat am Körper erfahren, was das heißt. Geschichten von jungen Frauen, die nicht nur einmal vergewaltigt wurden, sonder regelmäßig und von verschiedenen Männern, sind hier keine Seltenheit.
Zu Gutenberg sieht betroffen aus, während Hußlein von einem Beispielsfall berichtet. Erschrocken ist sie aber nicht, denn tagtäglich ist sie mit ähnlichen Fällen konfrontiert: „Fälle von Kindesmissbrauch passieren überall, in jeder Schicht.“ Es bringe deshalb nichts, die katholische Kirche unter Generalverdacht zu stellen, betont die Frau des deutschen Verteidigungsministers. Die Kirche leiste weltweit die meiste Sozialarbeit in den Brennpunkten dieser Welt.
„Missbrauchsfälle passieren vor allem in den eigenen Familien die Kinder und überall dort, wo viele junge Menschen zusammenkommen, wie zum Beispiel in den Schulen der katholischen Kirche“, erklärt die Baronin. Täglich bekommt sie Briefe von Betroffenen, aus allen gesellschaftlichen Bereichen.
„Es ist schockierend, dass so etwas auch in der Kirche passiert“, betont die Präsidentin. Dennoch gebe es viele Geistliche, die hervorragende Arbeit leisten, wie zum Beispiel am Antonia-Werr-Zentrum: „Die Mädchen hier haben Glück, dass die Taten an ihnen aufgedeckt wurden, und sie hier die Chance auf ein besseres Leben haben. „Die 17-jährige Josi und die 19-jährige Nathalie sind gute Beispiele dafür. Sie führen heute ein weitgehend normales Leben und engagieren sich im neu gegründeten „LuiRat“, einem Organ des Zentrums, dem zehn Mädchen, die Erziehungsleiterin Anja Sauer, die Gesamtleiterin Schwester Agnella Kestler und fünf Erzieherinnen angehören. Durch den Rat können die Mädchen selbst Einfluss auf Entscheidungsprozesse des Zentrums nehmen. Die jungen Frauen sind stolz auf ihre Arbeit.
Josi und Nathalie hatten eine Chance. Eine Chance, die viele andere traumatisierte Mädchen nicht haben, „weil sie umgeben sind von Leuten, die nichts wissen wollen“, unterstreicht die Präsidentin von Innocence in Danger. Besonders tragisch findet sie, dass ein missbrauchtes Kind in Deutschland im Durchschnitt acht Mal um Hilfe bitten muss, bevor ihm geholfen wird: „Ein Kind lügt mich im Zweifel nicht an, ein Erwachsener schon“, gibt sie den Frauen der Frauenunion mit auf den Weg.
Die Baronin versteht auch nicht, warum in Deutschland die Konzentration auf die Täter im Vergleich zu den Opfern so stark ist: „So wichtig die Täterarbeit auch ist, wird dürfen dabei die Opfer nicht vergessen“, mahnt sie. Ihnen müsse unbedingt geholfen werden: „Diese Menschen leiden ein ganzes Leben lang, wenn man ihnen nicht hilft. Aber wenn sie Unterstützung bekommen, haben sie richtig gute Chancen auf ein normales Leben“ – So wie Josi und Nathalie.
Internet hat Missbrauch Tür und Tor geöffnet
Das Internet hat dem Missbrauch zusätzlich Tür und Tor geöffnet, klagt die Baronin. Es trägt zur Ausbeutung von Missbrauchsfällen bei, wie etwa durch die Verbreitung kinderpornografischer Filme und Bilder über das World Wide Web: „Für mich erklärt sich bis heute nicht, warum ein Straftatbestand zur Informationsfreiheit gehört,“ schimpft die Aktivistin und spielt dabei auf die aktuelle Diskussion über die Sperrung von kinderpornografischen Seiten im Net an: „Wir haben es noch nicht einmal geschafft, kinderpornografische Inhalte im Internet sperren zu lassen.“ Deutschland sei dabei am Hintertreffen. Insgesamt gebe es in der Bundesrepublik noch zu wenig Menschen, die sich mit dem Thema Kindesmissbrauch beschäftigen. Doch es gibt auch Dinge, die zu Guttenberg Mut machen. Dass sie nicht alleine kämpft, beispielsweise. Oder, dass es so wunderbare Einrichtungen gibt, wie das Antonia-Werr-Zentrum.
Adel verpflichtet, ein Sprichwort, dass sie Stephanie Freifrau von und zu Guttenberg wohl zu Herzen genommen hat. Als Präsidentin der Hilfsorganisation Innocence in Danger will sie sich auch weiterhin gegen den Missbrauch von Kindern einsetzen, verspricht sie im Antonia-Werr-Zentrum: „Ich werde kämpfen wie eine Löwin“. Wenn man in ihre strahlend braunen Augen, das herausfordernde Lächeln und die blonde Mähne blickt, glaubt man ihr das auch.