Auszug aus Mainpost, 17. Juni 2010
Ernährung: EU-Parlament gegen farbliche Kennzeichnung von Fett und Zucker – Dennoch genauere Inhaltsangaben
Die umstrittene Lebensmittelampel hat kaum mehr Chancen in Deutschland. Nach der EU-Kommission und der Bundesregierung hat sich nun auch das Europäische Parlament dagegen ausgesprochen, dass Hersteller von Süßwaren, Trinkjoghurts oder Fertigpizzen die Verbraucher mit roten und gelben Balken vor hohen Anteilen an Fett, Zucker und Salz warnen müssen. Selbst Verfechter der Ampel räumen ein, dass die Aussichten nach der klaren Ablehnung im Europäischen Parlament nun gegen null gehen – zumindest in Deutschland. Denn wenn die Bundesregierung dazu nicht von der EU verdonnert wird, gilt ein eigener Vorstoß als völlig unwahrscheinlich.
Industrie massiv gegen Ampel
Die Industrie hatte in den vergangenen Wochen mit großem Aufwand versucht, die EU-Abgeordneten zu überzeugen, dass sie gegen die Ampel stimmen sollen. Demgegenüber zählten Verbraucherverbände und Patientenorganisationen ebenso wie die Kranken- und Lebensversicherer zu Unterstützern der Farbkennzeichnung. Hauptargument der Kritiker war die Gefahr der Irreführung. Denn anders als bei der Verkehrsampel, die eine Überquerung der Straße verbietet, sollte die Lebensmittelampel ja nicht anzeigen, dass prinzipiell vom Konsum von Pizza oder Cornflakes abzuraten ist – sondern nur, dass es nicht empfehlenswert sei, den Schokoriegel oder das Müsli in großen Mengen einzunehmen. Die Verbraucher können sich allerdings darauf einstellen, dass sie künftig trotzdem mehr darüber erfahren, was sie essen. Denn statt der Ampel sollen die Produzenten verpflichtet werden, den jeweiligen Gehalt an Fetten, gesättigten Fetten, Zucker und Salz sowie den Energiewert (Kalorien) auf der Vorderseite der Verpackung anzugeben – und zusätzlich den Anteil am Tagesbedarf. So kann der Kunde schnell erkennen, dass er mit zwei Dosen Cola schon fast 80 Prozent der Menge Zucker zu sich nimmt, die er an einem Tag konsumieren sollte. Bisher drucken nur einige große Lebensmittelkonzerne freiwillig diese Angaben auf ihre verpackten Nahrungsmittel. Künftig sollen alle Hersteller dazu verpflichtet sein. Die Verordnung muss noch durch den Ministerrat, tritt also sicher frühestens Anfang 2012 in Kraft.
Hintergrund: Weisgerber und Westphal über Ampel unein
Die beiden unterfränkischen Europa-Abgeordneten Anja Weisgerber (CSU, Schwebheim) und Kerstin Westphal (SPD, Schweinfurt) haben den Beschluss des Europaparlaments für eine verbesserte Kennzeichnung der Inhaltsstoffe von Lebensmitteln als Beitrag für einen verbesserten Verbraucherschutz gewürdigt. Uneinig waren die Abgeordneten hinsichtlich der Bewertung der gescheiterten Ampel-Kennzeichnung. Während Westphal erklärte, damit sei eine Chance auf bessere Verbraucherinformation vertan worden und die Blockadehaltung der Konservativen kritisierte, wandte sich Weisgerber gegen eine Bevormundung der Verbraucher und erklärte, sie sei gegen eine Einteilung in gute und schlechte Lebensmittel.