MainEcho, 25. Oktober 2011
Große politische Themen sind am Donnerstag in Geiselbach besprochen worden. Anlässlich des 25- jährigen Bestehens der örtlichen Frauenunion referierte die Europa- Abgeordnete Anja Weisgerber im »Bayerischen Hof« zur Frage »Warum brauchen wir die EU?« Auf einen speziellen Bereich der Gesundheitspolitik ging Karl Norbert Konrad, Allgemeinarzt in Geiselbach, ein. Er stieß ein reges Gespräch zum Thema Organspende und zu den aktuellen Vorschlägen zur Erhöhung der Spenderquoten an. Unter den rund 50 Gästen konnte die Geiselbacher Bürgermeisterin und CSU- Vorsitzende Marianne Krohnen auch Ursula Schleicher, die frühere Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, und Simon Fäth aus Geiselbach begrüßen. Der Zwölfjährige hatte Glück und erhielt vor acht Jahren, damals schwer erkrankt, eine neue Leber. Heute ist er gesund. Für größere Anstrengungen bei der Organspende und eine breitere und offenere Diskussion sprach sich Konrad aus, da in Deutschland Spender fehlten. Bis zu 1 500 Menschen sterben jährlich in Deutschland, weil sie kein lebensrettendes Organ bekämen, hieß es. Konrad wies auf die unterschiedlichen gesetzlichen Regelungen in den EULändern hin, über die es nachzudenken gelte. »Wenn ich, ein begeisterter Motorradfahrer, in Frankreich auf die Nase falle, kann ich ohne Zustimmung transplantiert werden«, sagt der Arzt. Weder auf potenzielle Spender noch auf Angehörige in einer Krisensituation solle Druck ausgeübt werden, meinte er. Es sei jedoch in Deutschland dringend vonnöten, wenigstens die »erweiterte Regelung« klarer in die Öffentlichkeit zu bringen. Demnach könnten Angehörige darüber entscheiden, dem Verstorbenen (Hirntod ist die Voraussetzung) auch ohne Spenderausweis Organe entnehmen zu lassen, wenn er früher in irgendeiner Weise den Willen zur Spende geäußert habe. Auch der Gefahr eines missbräuchlichen Organhandels könne man begegnen, wenn es mehr Spenderorgane »am Markt« gebe, forderte Konrad dazu auf, neue Wege zu suchen, um mehr Spender zu gewinnen. Während Marianne Krohnen zugab, dass sie sich bislang »aus Angst nicht dazu überwinden konnte, einen Spenderausweis auszufüllen,« brach ihre Geiselbacher FU-Vertreterin Astrid Kempf, die seit ihrem 16. Lebensjahr einen solchen Ausweis besitzt, eine Lanze für das Organspenden. Simon Fäth sei der beste Beweis für eine solch erfreuliche Verpflanzung, meinte Kempf. Ursula Schleicher merkte an: Ein Organ zu spenden könne nicht hoch genug gewürdigt werden, aber es könne keinen Rechtsanspruch auf Transplantationen geben. Andere Mitgliedsstaaten, allen voran Spanien, seien sehr erfolgreich, ihre Bevölkerung zum Organspenden zu animieren, weiß Anja Weisgerber. Es sei wichtig, die europäische Dimension zu nutzen und Organspenden grenzüberschreitend zu vereinfachen. Dabei seien einheitlich hohe Qualitäts- und Sicherheitsstandards anzustreben, Organhandel zu bekämpfen und Transplantationskoordinatoren in jedem Krankenhaus einzurichten. Strittig sei ein Deutschland die »Widerspruchlösung«, in der es heißt, dass ein Bürger einmal im Leben der Organspende widersprechen müsse, sonst gelte er als Organspender. Über die Gesundheitspolitik hinaus, in der es auch um unterschiedlich hohe Arzneimittelpreise und einen besseren Informationsaustausch zwischen den Ländern ging, verdeutliche Weisgerber in etlichen anderen Bereichen, wie wichtig die EU sei. Sie bringe Frieden, Freiheit und Wohlstand und biete Antworten auf grenzüberschreitende Herausforderungen. Die EU schütze und nütze, wofür der Verbraucherschutz und die Gesundheitspolitik nur Beispiele seien, schloss sie. Von großem Interesse waren für die Versammlungsteilnehmer indes die Finanzpolitik, die Staatsschuldenkrisen und die Rolle Griechenlands. Um aus dieser Krise, die auch eine Chance sei, wieder herauszukommen, »müssen die Mitgliedsstaaten signalisieren, dass sie Reformen einleiten werden,« betonte Weisgerber. Wenn der »Schuldenschnitt« für Griechenland komme, »müssen wir alle zusammenhalten «, damit der Stabilitätsmechanismus nicht aus den Fugen gerate, riet die Europa-Abgeordnete aus Schweinfurt.