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In Brüssel wird heute entschieden, wie Lebensmittel künftig gekennzeichnet sein müssen

Märkische Allgemeine, 16. März 2010

Das Studium der H-Milch-Verpackung erweist sich als informativ: Ein Glas (200 Milliliter) decken bereits elf Prozent des Tagesbedarfs an Zucker. Beim Zitronen-Joghurt findet man diese Information erst nach langem Suchen. Kein Wunder, der 125-Gramm-Becher enthält auch schon zehn Prozent der täglichen empfohlenen Menge. „Lebensmittel sollten klar und verständlich gekennzeichnet sein“, sagt der Vorsitzende des Umweltausschusses im Europäischen Parlament, Jo Leinen (SPD). Heute will man dafür in Brüssel die Weichen stellen. Fest steht schon jetzt: Die Ampel wird es nicht geben. „Da jedes Produkt für jeden Nährwert eine farbliche Kennzeichnung bekommen müsste, wäre das Ergebnis für den Verbraucher verwirrend“, sagt die Fachfrau der christlich-konservativen EVP-Fraktion, Anja Weisgerber (CSU).
Tatsächlich könnte die Ampel dazu führen, dass eine Ware für den Kaloriengehalt einen gelben Punkt, einen grünen für Zucker und einen roten für Fett sowie Salz bekommen könnte. „Das hilft niemandem“, sagt Weisgerber. Und es würde, darf man ergänzen, zu wirklich absurden Ergebnissen führen: Angesichts ihres Fettgehaltes müsste selbst Muttermilch rot und damit als ungesundes Lebensmittel gebrandmarkt werden, während ein Light-Getränk wie Cola mit grün durchginge. Inzwischen gibt es unter den EU-Mitgliedsstaaten keine Mehrheit mehr für die Ampel.
„Als Alternative denken wir daran, den Prozentsatz der Nährwerte in einer Verkaufsportion im Verhältnis zu den empfohlenen Mengen anzugeben“, erklärt Leinen. Damit wäre das bisherige Durcheinander auf den Verpackungen endlich zu Ende. Denn heute kann jeder Hersteller die Kennzeichnung wählen, die ihm günstig erscheint. Mit dem Ergebnis, dass sich der Verbraucher überhaupt nicht mehr auskennt. Wie massiv der Kunde den Angaben der Hersteller auf den Leim geht, zeigt die bereits laufende Umsetzung der Richtlinie über sogenannte gesundheitsbezogene Angaben (Health Claims). Seit zwei Jahren muss die Industrie nämlich bei den EU-Lebensmittelexperten beantragen, welche Werbung („…baut den Cholesterinspiegel ab“) wissenschaftlich belegbar ist und deshalb auch ab 2011 weiter benutzt werden darf. Von rund 44 000 eingereichten Slogans wurden weit über 90 Prozent gekippt.
In einem Punkt haben sich die Europa-Politiker bereits geeinigt: Eine Käse-Pizza muss künftig auch wirklich mit Käse belegt sein. Wer seine Produkte mit Hilfe von billigeren, wenn auch gesundheitlich unbedenklichen Imitaten anreichert, hat dies deutlich anzugeben.