Neue Presse, 19. Januar 010
Beängstigend: Immer weniger Kinder und immer mehr Senioren bevölkern unseren Landstrich, immer weniger junge Leute bleiben ihrer Heimat treu und immer mehr Häuser in den Dorfkernen stehen leer - die Bevölkerung in unserem Gebiet vergreist und die Zeichen des Verfalls sind unverkennbar.
Da stellen sich Grundsatzfragen: Quo vadis Haßbergkreis - hat unsere Region eine Zukunft? Können die Politiker den Karren noch aus dem Dreck ziehen, oder stehen sie auf verlorenem Posten? Unter dem Motto "Haßberge 2010 - Wie fit ist unser Landkreis für die Zukunft?" diskutierte die Junge Union (JU) bei ihrem Neujahrsempfang dieses brisante Thema.
Auf den voll besetzten Tischen des Gemeinfelder Sportheims dominieren die bayerischen Nationalfarben: rautenförmige blau-weiße Tischtücher und Servietten. Bierdeckel mit zwei leichtbekleideten Mädels erlauben großzügige Einblicke und werben mit dem Wortspiel "JUng ist geil!" Die Rückseite des Filzes reicht für einen Aufnahmeantrag.
Kreisvorsitzender Sebastian Stastny aus Ebern konnte hochkarätige Politprominenz aus allen Ebenen begrüßen. Vom Europaparlament war Dr. Anja Weisgerber aus Schwebheim angereist. Die Stimmkreisabgeordnete und stellvertretende Generalsekretärin der CSU, Dorothee Bär vertrat die Bundesebene und Dr. Bernd Weiß sitzt im Maximilianeum.
Mit dem CSU-Kreisvorsitzenden und Kreisrat Steffen Vogel sowie der Jugendamtsleiterin Adelinde Friedrich aus Zeil standen kommunalpolitische Schwergewichte Rede und Antwort. Unter den Gästen weilten die Bürgermeister Karlheinz Denninger (Burgpreppach), Hermann Martin (Pfarrweisach), Wilhelm Schneider (Maroldsweisach) und Wolfgang Borst (Hofheim).
Nachdem Adelinde Friedrich die wachsenden Aktivitäten des Landkreises bei der frühzeitigen Kinderbetreuung sowie der Jugend- und Familienförderung erläutert hatte, erfrischte Vogel mit einer schonungslosen Analyse. Dabei mahnte er mehr Ehrlichkeit an, denn die Möglichkeiten der Politik seien begrenzt. Weder könne man die Arbeitsplätze herbeizwingen noch die Geburtenzahlen hochpuschen.
Die entscheidende Frage sei, ob und wie man Abwanderung verhindern könne. Wer bleibe auf dem Land, wenn der Arbeitsplatz 50 Kilometer entfernt sei, wenn es keinen Zugang zur DSL-Datenautobahn gebe und wenn Theater und Kino stundenlange Anfahrten erfordern? Vogels Antwort: Nur derjenige, dessen Herz und Seele hier verwurzelt sind und den ein starkes Heimatgefühl an sein Dorf bindet!
Gegen die anonymen Großstadtstrukturen setzt er auf das, was jeder Menschen braucht: enge Freundschaften, persönliche Beziehungen und die starke Gemeinschaft beispielweise in Sportvereinen und Feuerwehr. Diese Werte seien das große Plus des ländlichen Raums, das dürfe man nicht schlecht reden, sondern gezielt fördern.
Vor diesem Hintergrund habe die JU den Wettbewerb um die familienfreundlichste Gemeinde auf den Weg gebracht. Neue Erdenbürger, wünschte sich Vogel, sollten vom Bürgermeister genau so herzlich begrüßt werden wie 80-jährige Honoratioren. Wie wär´s mit einer Strampelhose, auf der das Gemeindewappen prangt, schlug er kreativ vor. Von der Politik wünschte er sich ein spezielles Infrastrukturprogramm für den ländlichen Raum.
Die Initiativen zur Förderung der Familien von Seiten des Bundes und der Bayerischen Staatsregierung erläuterten MdL Dr. Weiß und die Bundestagsabgeordnete Dorothee Bär. Wer sein Kind in eine Kinderkrippe schicke, gebe es nicht weg, trat Bär einem Vorurteil entgegen. Damit werde die elterliche Erziehung nur ergänzt. Kritische Worte galten den Kommunen, die weiterhin große Neubaugebiete ausweisen. Stattdessen sollte gezielt die Sanierung bestehender Bausubstanz in den Dorfkernen gefördert werden.
Dr. Weisgerber betonte die enge Beziehung diverser EU-Förderprogramme zur kommunalen Ebene. Mit dem Leader und Life-Programmen seien erhebliche Mittel zur Förderung von Wirtschaft und Tourismus sowie für den Naturschutz in den Kreis geflossen.
In der anschließenden Diskussion beleuchtete Bürgermeister Denninger die klamme Kassenlage der kleinen Kommunen. Da nützten auch Förderprogramme mit einem 50-prozentigen Zuschuss nichts, weil "der Rest fehlt". MdL Weiß machte Hoffnung, dass ab 2011 der Höchstfördersatz auf 80 Prozent steigen könnte.
Viele weitere Redebeiträge verdeutlichten, dass zahlreiche Probleme unter den Nägeln brennen: Angesprochen wurden das Fördergefälle zu Thüringen, die fehlenden Ortsumgehungen auf der B 279, die ausufernden Photovoltaik-Freiflächenanlagen, die Situation der Senioren sowie die mangelhafte Haus- und Notarztversorgung.