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Gefährliche Pillen überschwemmen Europa

Auszug aus Mainpost, 07. Dezember 2009

EU-Kommissar Verheugen: „Fälschung von Medikamenten ist versuchter Massenmord“
Die Europäische Union (EU) schlägt Alarm: Die Zahl gefälschter Arzneimittel ist dramatisch angestiegen – nicht zuletzt weil sich immer mehr Verbraucher im Internet selbst versorgen. Sie sehen aus wie Medikamente und sind gerade deshalb besonders gefährlich. Mal enthalten sie so viel medizinische Wirkstoffe wie ein Schluck Wasser – im anderen Fall einen regelrechten Giftmix aus völlig falschen Bestandteilen.

„Selbst wenn ein Arzneimittel unwirksame Stoffe enthält, kann es dazu führen, dass Menschen daran sterben, weil sie glauben, ihre Krankheit mit wirksamen Mitteln zu behandeln“, sagt EU-Industriekommissar Günter Verheugen. Brüssel reagiert seit Jahren aufgeschreckt über die immer größer werdende Zahl gefälschter Medikamente, die die Zollbeamten aus dem Verkehr ziehen.

Doch so schlimm wie derzeit war es noch nie: In den letzten zwei Monaten des Jahres 2009 zogen die Fahnder sage und schreibe 34 Millionen Tabletten aus dem Verkehr – von Antibiotika über Krebs- und Schmerzmittel. Neuerdings sogar Präparate gegen die Schweinegrippe. Verheugen fassungslos: „Das hat alle Befürchtungen übertroffen. Jede Fälschung von Medikamenten ist versuchter Massenmord.“

Experten schätzen, dass 2010 jede fünfte Tablette, Pille oder Salbe innerhalb der EU nachgemacht wurde. Nach Angaben der US-Behörde DFA, die für Lebensmittel und Drogen zuständig ist, werden im kommenden Jahr weltweit 68 Milliarden Euro Umsatz mit gefährlichen Pillen gemacht. Nun will die Kommission reagieren und denkt über verschärfte Sicherheitsmaßnahmen wie neue fälschungssichere Siegel und Barcodes auf den Packungen nach.

Verheugens Klage erfolgt nicht zufällig zu diesem Zeitpunkt. Der scheidende Kommissar bangt um eines der wichtigsten Projekte seiner Amtszeit: das sogenannte Pharmapaket, in dem Richtlinien der EU gebündelt werden sollen. Doch die Arbeiten treten auf der Stelle, weil der SPD-Politiker vor allem die Informationsverbote der Branche lockern will. So sollen Patienten beispielsweise im Internet besser über Präparate und deren Wirkstoffe und Unverträglichkeiten informiert werden. Ursprünglich war sogar von einem Ende des Werbeverbotes die Rede gewesen. Stattdessen plädieren die mit dem Thema befassten Europa-Abgeordneten inzwischen für eine möglichst solide Lösung. „Man muss das Werbeverbot beibehalten, aber trotzdem seriöse Informationsquellen schaffen“, sagt die Schweinfurter EU-Parlamentarierin Anja Weisgerber.

Ein Grund für die Zunahme gefälschter Medikamente ist nach Auffassung der Krankenversicherer die zunehmende Selbstmedikation von Patienten, die sich im Internet schlaumachen – und die Krankheit dann selbst behandeln. Dabei fallen sie oft Fälschern in die Hände.

Trotz seiner Warnungen dürfte Verheugen allerdings die Fertigstellung seines Gesetzespakets nicht mehr im Amt des EU-Kommissars erleben. Die Gesundheitsminister haben die Vorschriften erst in der Vorwoche auf das nächste Jahr vertagt.