Main Echo
Anja Weisgerber (28) tritt am 13. Juni für die CSU in Unterfranken an
Würzburg: Eigentlich hätte Anja Weisgerber nicht kommen dürfen. Die unterfränkische CSU-Kandidatin für die Europawahl am 13. Juni ist erkältet. Doch jetzt in der heißen Wahlkampfphase darf sie bei keiner öffentlichen Veranstaltung fehlen. „Ich habe mir eine Aufbauspritze vom Arzt geben lassen“, sagt sie mit einem Lächeln. Anja Weisgerber will den Sprung ins Europaparlament schaffen, davon soll sie eine Grippe nicht abhalten.
Für die unterfränkische CSU ist der Einzug ihrer Spitzenkandidatin ins europäische Parlament offenbar schon so gut wie sicher: Bei einem Wahlkampfauftritt in Würzburg verteilte Bayerns Europaminister Eberhard Sinner Handzettel, auf denen hinter dem Namen der Juristin aus Schwebheim (Kreis Schweinfurt) knapp und präzise zu lesen stand. Europaabgeordnete. So, als wäre Anja Weisgerber schon gewählt.
Gewiss nur ein Schreibfehler. Und doch ein Fehler, der ungewollt viel sagt über das Selbstbewusstsein der jungen Kandidatin und ihrer Partei. Dass Anja Weisgerber die Aschaffenburgerin Ursula Schleicher (71) in Brüssel beerben wird, daran zweifelt in Unterfranken und wohl auch in Bayern niemand ernsthaft. Mit Platz 4 der CSU-Liste im Freistaat hat sie das Ticket nach Europa fast schon gelöst. Bei der Europawahl 1999 schafften die Christsozialen in Bayern zehn Sitze für das Europäische Parlament.
In einer so komfortablen Situation ist es nicht schwer, selbstbewusst aufzutreten. Doch Anja Weisgerber weiß – da ist sie entwaffnend ehrlich -, dass sie auf dem politischen Parkett Europas noch völlig unerfahren ist. Ihre politischen Wurzeln hat die Juristin, die in Würzburg und Lausanne studiert hat, in ihrer Heimatgemeinde Schwebheim. Dort sitzt sie im Gemeinderat.
Für Politik interessiert sie sich seit 1995, als sie in die Junge Union eintrat und in Schwebheim gleich einen Ortsverband der politischen Jugendorganisation gründete. Seit 1997 ist sie Mitglied der CSU, Beisitzerin im Kreis- und Bezirksvorstand der Christsozialen in Unterfranken, zugleich stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises Umweltsicherung und Landesplanung. Der Frauen-Union gehört sie seit drei Jahren an.
Das Europa der Regionen versteht Anja Weisgerber als eine Chance für Unterfranken und Bayern. „Die Eigenart unserer Produkte, etwa des Bocksbeutels müssen wir in Europa herausstellen und besser verkaufen.“ Schon heute werde über 70 Prozent aller Gesetze in Brüssel entschieden, in der Landwirtschaft sogar über 80 Prozent, rechnet die Juristin vor. Das größere Europa werde sich in den kommenden Jahren deshalb zunehmend in das Leben der Menschen vor Ort einmischen.
Wie das Exportland Deutschland vor einem größeren Europa profitieren kann, erlebt sie im Betrieb ihrer Eltern. Die Weisgerber GmbH in Schwebheim erzeugt Heilkräuter. Wacholderbeeren werden nach Schottland exportiert und zu Gin verarbeitet.
Natürlich müssten die Ängste der Menschen von einem größeren Europa Ernst genommen werden, meint die mehrfache bayerische Tennismeisterin, die bei Weiß-Blau Würzburg 2. Bundesliga gespielt hat. Doch zugleich müsse Politik den Menschen immer auch die Chancen vermitteln, die in einem größeren Europa steckten: Für Exportfirmen etwa, um neue Märkte zu erschließen.
Traumberuf Politik; Für die unverheiratete Anja Weisgerber ist das kein Widerspruch. Auch wenn sie weiß, dass Familie und Privatleben dabei häufig zu kurz kommen. Später will sie Mann und Kinder haben und träumt davon, den Rund-um-die-Uhr-Job mit der Familie vereinbaren zu können. Viele Frauen in der Politik bewiesen schon heute, dass dies gehe. Und auch dafür will Anja Weisgerber Politik machen: Dass Karriere und Kinder besser vereinbar werden.