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Falsche Pillen mit fataler Wirkung

Mittelbayerische, 27. April 2010

Brüssel. Falsche Antibiotika, unwirksame Krebsmedikamente, nachgemachtes Viagra: Die Zahl der nach Europa schwappenden Arzneimittelfälschungen hat bedrohlich zugenommen. Experten sehen inzwischen eine Dimension wie beim Drogenhandel. Die EU will dem Treiben nicht länger zusehen. Gestern sprach sich der Gesundheitsausschuss des Europaparlamentes für EU-weite Sicherheitsmaßnahmen aus. Im Juni soll das Plenum über das Dossier abstimmen.

Es sind nicht nur nachgemachte Markenkleider oder kopiertes Spielzeug, das auf dunklen Wegen in die EU gelangt. In den vergangenen Jahren fingen die europäischen Zollbehörden immer mehr gefälschte Medikamente ab. So wurden zwischen 2005 und 2006 rund 2,7 Millionen Arzneien beschlagnahmt. Nach Angaben der EU-Kommission handelte es sich um eine Steigerung der Fälle um 384 Prozent. Was die Beamten 2008 aber sicherstellten, sprengt jede die Vorstellungskraft: Neun Millionen Packungen, d.h. über 34 Millionen Tabletten, wurden aus dem Verkehr gezogen. Von Potenzmitteln, über Cholesterinsenkern bis hin zu Arzneien gegen Osteoporose und Malaria: Über 50 Prozent der falschen Pillen stammten aus Indien. Auf Platz zwei der Fälscherländer tummelten sich Syrien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Trotz der Erfolge des Zolls, gehen Experten davon aus, dass unzählige Packungen ihren Weg in die EU gefunden haben.

„Wir beobachten seit geraumer Zeit einen wachsenden Anstieg von Arzneimittelfälschungen und haben Erkenntnisse, dass diese inzwischen eine Dimension wie der Drogenhandel erreicht haben“, sagt der FDP-Europaabgeordnete Holger Kramer. Dagegen will die EU nun entschieden vorgehen. Der Gesundheitsausschuss einigte sich gestern auf Maßnahmen, die rezeptpflichtige Medikamente vom Ladentisch bis zum Hersteller zurückverfolgbar machen sollen. Jede Packung soll demnach mit einem fälschungssicheren Barcode ausgestattet werden. Holt der Patient sein Medikament ab, wird es vom Apotheker gescannt. So will die EU sicherstellen, dass es sich um das Originalprodukt handelt. Die Kosten für die Scan-Geräte werden die Apotheken selbst tragen müssen.

Doch nicht alle Arzneien finden ihren Weg zum Patienten über die Apotheke. Immer mehr Kranke beschaffen sich ihre Pillen übers Internet. Darin liegt, Experten zufolge, eine große Gefahrenquelle. „Internetapotheken sind nicht per se gefährlich, aber es gibt viele schwarze Schafe als Einfallstor für Fälschungen“, sagt die CSU-Europaabgeordnete Anja Weisgerber. Deshalb will die EU Internetpharmazien künftig mit einem Sicherheits-Logo versehen. Nur diejenigen, die von den Behörden anerkannt sind und diverse Kontrollen über sich ergehen lassen, sollen das Logo erhalten. Die EU wird dann alle zertifizierten Online-Apotheken in eine Liste aufnehmen.