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"Fahrverbote sind ab 2010 nicht zu vermeiden"

Berliner Zeitung

Stefan Bundscherer von der Deutschen Umwelthilfe über hohe Ozonwerte in der Atemluft, die Autoindustrie und den Stromfresser Klimaanlage
Herr Bundscherer, in den Baumärkten finden derzeit kleine Klimaanlagen reißenden Absatz. Sind solche mobilen Geräte nicht hervorragend, um einen kühlen Kopf zu bewahren?
Den kühlen Kopf sollte man vor allem vor der Kaufentscheidung bewahren: Ein paar heiße Sommertage können Sie auch mit geschlossenen Rollos, einer kalten Dusche und viel Durchzug am Abend bewältigen. Das befreit Sie vom Image des "Raumklimaanlagenbenutzers", dem nahen Verwandten des "Warmduschers", und - Spaß beiseite - von enormen Nebenkosten, die übrigens auch der Verkäufer der Geräte oft selber nicht überblickt.

Die mobilen Raumkühler sind klein. Ist es ihr Stromverbrauch auch?

Im Endeffekt versucht das Gerät nichts anderes, als Ihr Wohnzimmer in einen riesigen Kühlschrank zu verwandeln. Das kostet viel Energie. Und weil die Bausubstanz in aller Regel viel zu schlecht gedämmt ist, ist der Energieaufwand noch viel höher. Das merken Sie dann an Ihrer Stromrechnung. Da können Sie schon mal 100 Euro Stromkosten für die wenigen Wochen der Nutzung dazurechnen. Leider sagt Ihnen das vorher kein Verkäufer so deutlich.

Ist die Verwendung von Klimaanlagen generell ökologisch bedenklich?

Ja, es gibt neben dem hohen Energieaufwand noch weitere Belastungen: Mit dem Klimagerät kaufen Sie nämlich auch die dort enthaltenen umweltgefährlichen Kältemittel ein. Die können unserem Treibhaus enorm einheizen: Einmal in die Atmosphäre geraten, tragen sie über 1 500 Mal mehr zu Treibhauseffekt und Erderwärmung bei als die gleiche Menge Kohlendioxid CO2. Und von einer geregelten Entsorgung der Altgeräte können Sie leider nicht immer ausgehen.

Wenn dennoch jemand meint, nicht ohne Klimaanlage auszukommen: Auf was sollte beim Kauf geachtet werden?

Sie kennen die Kategorien "A", "B", "C" bei Kühlschränken. Nicht alle, aber die seriösen Händler kennzeichnen entsprechend einer EU-Richtlinie. Akzeptieren Sie keinesfalls ein Gerät unterhalb der Kategorie "A", und wechseln Sie am besten gleich zu einem Öko-Stromunternehmen. Das entlastet die persönliche Ökobilanz schon erheblich.

Die Deutsche Umwelthilfe moniert bereits seit längerem die hohen Stromverbräuche von Klimaanlagen. Hat die Industrie reagiert?

Wir haben deutliche Hinweise, dass Teile der Industrie das Recht, die Energiekennzeichnung auf Basis eigener Daten vorzunehmen, gründlich missbrauchen. Wir werden das in naher Zukunft genauer unter die Lupe nehmen und betroffene Händler und Hersteller öffentlich benennen. Beide, Handel und Hersteller, werden dann mit Sicherheit reagieren.

Kann denn der Gesetzgeber mehr tun?

Es geht vor allem um den Vollzug. Schon vor Monaten hat die Deutsche Umwelthilfe Filialen von MediaMarkt und Saturn wegen Verstößen bei der Verbrauchskennzeichnung von Haushaltsgeräten verklagt und erstinstanzlich Recht bekommen. Vor zwei Wochen mussten wir schon wieder abmahnen: Auch die Raumklimageräte waren nicht richtig gekennzeichnet. Von Ordnungsbehörden ist aber weit und breit nichts zu sehen. Wir sagen: Raus aus den Amtsstuben und nicht länger wegducken!

Die heiße Hochdruck-Wetterlage lässt derzeit auch die Ozon-Werte in der Atemluft ansteigen. Wäre es nicht längst Zeit für Fahrverbote?

Die Öffentlichkeit spricht immer dann über Fahrverbote, wenn es fast schon zu spät ist. Uns geht es zunächst um vorsorgende Politik. Die EU-Kommission hat für 2010 klare Grenzwerte vorgelegt, um die ozonbildende Substanz Stickstoffdioxid NO2 auf ein erträgliches Niveau zu bringen. Anders als beim Diesel-Feinstaub, wo alle erst aufgewacht sind, als die Grenzwerte verbindlich wurden, haben wir hier die Chance, rechtzeitig zu handeln.

Wie könnte das geschehen?

Indem man etwa den Verkehr intelligenter organisiert. Doch schon ruft die EU-Abgeordnete Anja Weisgerber von der CSU nach einer Verschiebung des in Krafttretens der Grenzwerte. Solche Bremser müssen unmissverständlich zurückgepfiffen werden - auch, damit Fahrverbote gar nicht erst notwendig werden.

Ist dem Problem denn nicht technisch beizukommen?

DaimlerChrysler führt zum Beispiel in den USA stolz eine Abgasreinigung ein, die den Ausstoß auch der Ozonverursacher Stickoxide um 80 Prozent mindern kann. Nur damit ist ein Verkauf von Diesel-Pkw im US-Markt zulässig. Zur gleichen Zeit aber versuchen Autolobbyisten in Europa zu erreichen, dass in der neuen Abgasnorm für Pkw (Euro 5) der Stickoxide-Wert unverändert hoch bleibt. So wird Ozon bei uns nicht gemindert. Fahrverbote sind ab 2010 nicht zu vermeiden.

Warum werden denn bisher kaum Fahrverbote verhängt?

Dort, wo sie aus Sicht des Gesundheitsschutzes nicht mehr zu vermeiden sind, scheitern die Fahrverbote meistens an der Mutlosigkeit von Kommunalpolitikern, eben diesen Schutz der Gesundheit auch durchzusetzen.

Wie kann man den hohen Ozon-Konzentrationen sonst Herr werden?

Auch leicht flüchtige organische Stoffe, etwa aus Lösungsmitteln und Benzindämpfen, tragen zur Ozonbildung bei. Hier müssen wir die Industrie so weit in die Pflicht nehmen, dass sie unsere Gesundheit nicht unnötig gefährdet.

Hand aufs Herz: Ist Ihr Büro auch mit einer Klimaanlage ausgestattet?

Nein, wir haben für die heißen Tage Ventilatoren aufgestellt. So lassen sich die Temperaturen gut ertragen - bei minimalem Stromverbrauch. Und der kommt auch noch von einem Ökostromanbieter.