Münchener Merkur
Auf Listenplatz vier hat die CSU sie gesetzt. Würzburg will’s wissen: Warum ist das Interesse bei den Deutschen für die Wahl diesmal so gering?
Sonntags-Merkur: Ein langer Wahlkampf liegt hinter Ihnen – noch im Stress?
Anja Weisgerber: Seit Ascherdonnerstag war ich fast jeden Abend unterwegs. Es ging zwar langsam an die Substanz, aber vor allem macht es wirklich Spaß.
Das ist eine Sache meiner Mentalität. Was ich mache, mache ich gern richtig. Alle sagen, was machst du dir den Stress, du hast den Platz ja doch sicher. Aber erst einmal müssen wir schauen, dass wir die Fünfprozenthürde bundesweit schaffen, weil wir ja nur in Bayern gewählt werden könne. Bei keiner anderen Wahl kommt es so auf die Wahlbeteiligung und die absolute Stimmenzahl an wie bei dieser.
Wie motiviert man denn Wähler für Europa?
Gar nicht so einfach. Die jungen Menschen sind sehr dabei. Sie sehen die Chancen, die sich durch grenzfreies Reisen, europäische Studienprogramme, grenzübergreifende Anerkennung der Studienabschlüsse ergeben. Bei den Älteren ist es schon schwieriger. Aber wenn man Aktionen macht, die ein bisschen anders sind und ein bisschen weggehen von der Politik – so wie meine „Pizza – Pasta – Politik“-Veranstaltungen – ist es leichter.
Was bedeutet Europa für Sie?
Die europäische Idee hat eine besondere Faszination. Das Zusammenarbeiten mit verschiedenen Nationen, meine Sprachkenntnisse wieder nutzen zu können, da freue ich mich sehr darauf. Im Endeffekt ist Europa eine Antwort auf die Globalisierung.
Würden Sie denn als Unterfränkin oder als Europäerin nach Brüssel gehen?
Sicher als beides. Aber ich muss schon betonen, dass ich sehr heimatverbunden bin. Ich gehöre zu den Leuten, die wirklich Heimweg empfinden. Ich fühle mich als überzeugte Unterfränkin. Das merkt man ja auch schon an meinem Dialekt, den ich mir nicht abgewöhnen kann und auch nicht werde. Wenn ich im Wahlkampf unterwegs bin, bin ich immer wieder stolz, wie schön Unterfranken doch ist Ich sehe es als sehr spannend an, dass ich die Chance habe, 1,3 Millionen Bürger in Unterfranken auf europäischer Ebene vertreten zu können und eine Brücke zu schlagen von hier nach Brüssel. Ich sehe mich aber auch als Europäerin, die teilhat am zusammenwachsenden Europa.
Drei Wochen im Monat in den Ausschüssen in Brüssel eine Woche im Parlament in Straßburg...
...und am Wochenende hier. Mein Ziel ist es schon, erst einmal auch hier Fuß zu fassen und präsent zu sein, nicht nur im Wahlkampf. Ich finde es wichtig, dass die Bürger spüren, da ist jemand, der ist auch vor Ort und will sich i Brüssel für Unterfranken einsetzen.
Aber viele Wähler interessieren sich wenig für Straßburg und Brüssel.
Dabei wissen die meisten Leute nicht, dass bis zu 70 Prozent aller Gesetze, die in Deutschland verabschiedet werden, ihren Ursprung in Straßburg haben. Ministerpräsident Stoiber sag schon richtig: Europapolitik ist eigentlich Innenpolitik geworden. Gemalt wird das Bild auf europäischer Ebene. Auf Länderebene wird es nur ausgemalt.
Kamen die Leute wegen ihrer Politik zu den Wahlkampfveranstaltungen – oder nur wegen Pizza und Pasta?
Schon auch wegen der Politik. Viele wollen mich einfach mal kennenlernen, mal schauen, ob ich die Vorschusslorbeeren auch verdiene, die ich mit dem Vertrauen auf Platz vier auf der Landesliste kandidieren zu dürfen, bekommen habe.
Was zeichnet Sie aus?
Dass ich jung bin, engagiert und sehr motiviert – das ist schon ein Vorteil. Ich denke, dass die CSU langsam merkt: Es ist gut, eine junge Frau mit viel Elan ranzulassen. Generell bin ich immer ein Fleiß-Typ gewesen, egal ob in der Schule oder auf dem Tennisplatz. Ich bin ein Arbeitstier, das liegt in der Familie. Was auch wichtig ist: die Fähigkeit auf Menschen zuzugehen. Egal ob das der Uni-Professor, die Tanzkollegin oder die Verkäuferin im Supermarkt ist.
Was sind Sie denn eher: Grundlinien-Spieler oder der draufgängerische Serve- and-Volley-Typ?
Mehr der solide Grundlinien-Spieler. Im Tennis war ich nie der Risikofreund, habe aber irgendwann umgestellt auf aggressiveres Tennis. Man muss schon mal angreifen können und was wagen.
Mit gewürzter Politik...Was hat es mit Ihren Pfeffer-Tütchen auf sich?
Meine Eltern handeln mit Gewürzen und Heilkräutern, da hat sich der Pfeffer angeboten. Die Mischung macht’s – darauf spielt das Ganze an. Die Mischung aus erfahrenen Politikern, aber auch jungen, die frischen Wind mitbringen.
Haben Sie sich von Ihrer Vorgängerin Tipps geholt?
Auf jeden Fall. Ursula Schleicher hat mir viele Ratschläge gegeben, vor allem organisatorische Dinge. Es ist eine Herausforderung, in die Fußstapfen einer bekannten und renommierten Europapolitikerin zu treten. Ich denke, ich kann viel von ihr lernen, möchte aber meinen eigenen Stil entwickeln.
Haben Sie keine Sorgen, dass es zu trocken wird in Brüssel und Sie nur mit Gesetzesvorlagen zu kämpfen haben?
Also erstens kenne ich das von meinem Beruf als Anwältin. Wobei das schon wieder ein Vorurteil ist: Ich finde das überhaupt nicht trocken, weil man gerade als Jurist mit allen Lebensbereichen zu tun hat. Ich denke, das Europaparlament ist eine genauso spannende Aufgabe.
Ist Würzburg für Sie eine Europastadt?
Auf jeden Fall. Die Begeisterung für Europa ist da. In Würzburg wird kulturell sehr viel geboten, was sich im europäischen Vergleich messen kann. Wenn ich diese Angebote sehe, ist Würzburg auf jeden Falle eine Europastadt.