Die Welt, 13. September 2007
Von Hannelore Crolly
Brüssel - Das Insektengift DDT ist lange schon verboten, und doch finden sich bei vielen deutschen Kindern Spuren davon im Blut. Vor allem Jungen und Mädchen aus höheren sozialen Schichten trügen oft ein Abbauprodukt des DDT in sich herum, hat das Bundesumweltamt herausgefunden. Denn viele von ihnen wurden von älteren Müttern geboren und länger gestillt. Das längst geächtete Insektizid hat sich in diesen Müttern angesammelt und geht jetzt auf den Nachwuchs über.
Solche Erkenntnisse darüber, wie lange Mittel gegen Unkraut oder Insekten im menschlichen Organismus fortleben, sorgen in Europa gerade für ein Umdenken in der Pflanzenschutz-Politik. Die EU will durchsetzen, dass potenziell gefährliche Giftstoffe endgültig vom Acker, Obst oder Gemüse verschwinden. In Pflanzenschutzmitteln sollen keine Stoffe mehr stecken dürfen, die Krebs erregen, das Erbgut verändern oder Hormone beeinflussen können. Dafür soll die EU-Pflanzenschutz-Richtlinie novelliert werden.
Im Oktober soll das Straßburger EU-Parlament erstmals abstimmen. Einige wichtige Weichen hat gestern bereits der Umweltausschuss gestellt: Politiker aus mehreren Fraktionen stimmten dafür, die gefährlichsten der derzeit rund 300 zugelassenen Wirkstoffe in Europa zu verbieten. "Dies ist ein Meilenstein für den Gesundheitsschutz", lobt die Berichterstatterin Hiltrud Breyer von den Grünen. "Krebserregende, erbgut- und fortpflanzungsschädigende Pestizide landen nicht mehr auf unserem Teller und in der Umwelt.
"Die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln, aber auch viele Bauern sehen das indes völlig anders. Was so simpel klinge, werde gravierende Probleme auch für die Verbraucher bescheren, warnt Hans-Theo Jachmann, Präsident vom Industrieverband Agrar (IVA). Denn sollte sich die harte Linie des Umweltausschusses durchsetzen, könnten bis zur Hälfte der Pflanzenschutzmittel vom Markt verschwinden. "Viele Schädlinge und Krankheiten, vor allem bei Obst und Gemüse, können dann nicht mehr behandelt werden."
Das würde bedeuten: Würmer in Äpfeln, faulige Kartoffelkeime, Bierhopfen mit Pilzbefall. Und höhere Preise. "Die Toleranzgrenze des Verbraucher ist bereits mit der ersten Made in der Kirsche überschritten", sagt Volker Petersen, Vize-Generalsekretär des Deutschen Raiffeisenverbands. Hochwertige Nahrungsmittel seien nur mit breiter Palette von Pflanzenschutzmitteln zu erzeugen.
Das Problem ist in der Tat komplex. Denn da ist beispielsweise auch die Sache mit der Resistenz. Im Kampf gegen viele Schädlinge, Pilze oder Unkräuter können die Bauern unter mehreren Mitteln auswählen. In fein kalkulierten, komplizierten Spritz-Folgen behandeln sie ihre Felder in der Regel mit einer ganzen Bandbreite von Produkten - damit sich die Erreger nicht an einen Wirkstoff gewöhnen und gegen ihn resistent werden. Diese Baukasten-Systeme haben in vielen Fällen die chemische Keule überflüssig gemacht. Die Äcker werfen mit weit weniger Chemie mehr ab als vor zwei oder drei Jahrzehnten. Diese Entwicklung sehen Bauern und Industrie nun in Gefahr.
Die Pflanzenschutz-Konzerne können auch nicht nachvollziehen, warum Produkte, die bereits getestet und als nicht schädlich zugelassen sind, verboten werden sollen. "Unsere Branche ist die neben der Pharmaindustrie am besten überwachte", sagt Klaus Welsch, Europachef der BASF-Sparte Pflanzenschutz. Kontrollen und aufwendige Studien seien schon heute vorgeschrieben.
Die Industrie sorgt sich außerdem um verlässliche Rahmenbedingungen für ihre Forschung. Bis zu zehn Jahre Zeit und 200 Mio. Euro an Kosten müssen investiert werden, um ein neues Pflanzenschutzmittel zu entwickeln. "Eine solche Investition tätigt ein Unternehmen nur, wenn das Geld wieder hereingespielt werden kann", sagt IVA-Präsident Jachmann.
Auch an einem anderen Passus gab es harsche Kritik: Die Landwirte sollen künftig ihren Nachbarn und Anwohnern ungefragt jeden Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mitteilen. "Wir brauchen aber praktikable Lösungen", fordert die CDU-Abgeordnete Anja Weisgerber. Und ihre Parteifreundin Christa Klass ergänzt: "Wenn nur unbedenkliche Produkte im Einsatz sind, dann brauchen wir solche Informationspflichten nicht. Die gehen nur zu Lasten der Landwirte und verunsichern unnötigerweise die Anwohner.
"Den ursprünglichen Plan, drei große Pflanzenschutz-Zonen in Europa einzurichten, wurde aufgegeben. Bisher werden die Mittel von den nationalen Behörden zugelassen - mit seltsamen Folgen, wie sich etwa beim Porree-Anbau an der deutsch-niederländischen Grenze zeigt. In Holland ist ein Schutzmittel gegen eine Pflanzenkrankheit zugelassen, das in Deutschland nicht verwendet werden darf. Das holländische Porree, das mit Hilfe der Chemie erzeugt wurde, darf aber paradoxerweise in Deutschland verkauft werden - während der deutsche Bauer mit zerstörter Ernte leer ausgeht.
Und schließlich droht eine weitere Novelle, die bereits im Umweltausschuss Zuspruch fand, für Unruhe zu sorgen: Beim Spritzen sollen Bauern keine Hubschrauber oder Flugzeuge mehr benutzen dürfen. Das wird vor allem für Winzer mit Weinbergen in Steillagen zum Problem. Auch an Bächen und anderen Gewässern soll eine Zehn-Meter-Zone chemiefrei bleiben. "Das wird in der norddeutschen Tiefebene mit ihren 25 Meter breiten Parzellen zwischen Wassergräben interessant", amüsiert sich IVA-Präsident Jachmann. "Zehn Meter Freiraum auf jeder Seite vom Bach - dann spritzt der Bauer nun in der Mitte eine Schneise von fünf Metern, auf der etwas wächst."