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EU will Aufklärung über Arzneien verbessern

Saarbrücker Zeitung, 3. März 2010

Die EU-Bürger sollen sich besser über Medikamente informieren können. Denn viele Kranke therapieren sich selbst - und dabei oft falsch. Die Kommission setzt auf den mündigen Patienten und will das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medikamente aufheben. Das Parlament favorisiert dagegen neutrale Informationswege.
Brüssel. Patienten sollen sich leichter über Arzneien informieren können. Die EU-Kommission schlägt deshalb vor, das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Pillen, Dragees und Tropfen abzuschaffen. Die Pharma-Branche soll werben dürfen. Bisher ist es den Herstellern nicht einmal erlaubt, Beipackzettel im Internet zu veröffentlichen.
Im EU-Parlament werden dagegen Vorbehalte laut. "Wir wollen einen mündigen Patienten; dazu gehört auch eine verbesserte Information über Arzneimittel", sagen die beiden Gesundheitsexperten der Unionsparteien, Peter Liese (CDU) und Anja Weisgerber (CSU). Ein gelockertes Werbeverbot aber geht ihnen zu weit. "Das Verbot muss beibehalten werden. Der Patient braucht unabhängige, vertrauenswürdige Information, sonst holt er sich die nämlich irgendwo anders."
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) unterstützt dieses Ansinnen ebenso wie die Allianz chronisch Kranker, deren Spitzenvertreter gestern in Brüssel für das schwedische Modell eintraten. Dort finden Betroffene in einem offiziellen, von der Industrie finanzierten Internetportal (www.fass.se) verlässliche Angaben über Krankheiten und Präparate. Die neun Millionen Einwohner klicken pro Monat vier Millionen Mal die Seite an.

Gegen Werbung für Herzpillen
Nicht nur in Deutschland kämpfen die Mediziner gegen die Kehrseite des Bildes vom mündigen Patienten. Nachdem immer mehr Präparate aus dem offiziellen Leistungskatalog der Krankenkassen herausgenommen wurde, kaufen die Bundesbürger nach eigener Diagnose ein. Mehr als 60 Prozent der Deutschen versorgen sich pro Jahr für acht Milliarden Euro mit Medikamenten, die sie sich selbst verordnet haben. Oft genug mit teuren Langzeitfolgen, weil sie zur falschen Pille oder einem ungeeigneten Saft greifen. Das Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung in Karlsruhe beziffert in einer Studie die zusätzlichen Lasten durch fehlerhafte Selbstmedikation allein in der Bundesrepublik auf zehn Milliarden Euro im Jahr.
Diese Gefahr soll durch die neuen EU-Vorschriften zur "Patienteninformation" beseitigt werden. Auch die Ärzte selbst wünschen sich eine solche unabhängige Datenquelle, auf die sie ihre Patienten aufmerksam machen könnten, sagte KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller gestern in Brüssel. Außerdem könnten die Versicherten Fragen, die erst im Nachhinein auftauchten, leichter klären, wenn ihnen eine entsprechende, neutrale und unabhängige Informationssammlung zur Verfügung stünde. Eines wollen die Abgeordneten des Europaparlaments dabei fraktionsübergreifend verhindern: Zwischen "Tagesschau" und "Tatort" soll es auch künftig am Sonntagabend keine Werbung für ein Sonderangebot an Herzmitteln oder Betablockern geben.