www.mz-web.de, 7. Dezember 2009
Zollbeamte ziehen immer mehr illegal nachgeahmte Arzneien aus dem Verkehr
BRÜSSEL/MZ. Sie sehen aus wie Medikamente und sind deshalb besonders gefährlich. Mal enthalten sie so viel medizinische Wirkstoffe wie ein Schluck Wasser, im anderen Fall einen regelrechten Giftmix aus völlig falschen Bestandteilen. Beides ist gleich schlimm. "Selbst wenn ein Arzneimittel unwirksame Stoffe enthält, kann es dazu führen, dass Menschen daran sterben, weil sie glauben, ihre Krankheit mit wirksamen Mitteln zu behandeln", sagt EU-Industriekommissar Günter Verheugen.
Brüssel reagiert seit Jahren aufgeschreckt über die immer größer werdende Zahl gefälschter Medikamente, die die Zollbeamten aus dem Verkehr ziehen. Doch so schlimm wie derzeit war es noch nie: 2004 beschlagnahmten Ermittler in der EU lediglich 34 gefälschte Arzneimittel, 2006 waren es bereits 270. In den letzten zwei Monaten des Jahres 2009 zogen die Fahnder sage und schreibe 34 Millionen Tabletten aus dem Verkehr - von Antibiotika bis Krebs- und Schmerzmitteln. Neuerdings sogar Präparate gegen die Schweinegrippe. Verheugen: "Das hat alle Befürchtungen übertroffen. Jede Fälschung von Medikamenten ist versuchter Massenmord." Experten schätzen, dass 2010 jede fünfte Tablette, Pille oder Salbe innerhalb der EU nachgemacht wurde. Nach Angaben der US-Behörde DFA, die für Lebensmittel und Arzneien zuständig ist, wird 2010 weltweit 68 Milliarden Euro Umsatz mit gefährlichen Pillen gemacht.
Nun will die Kommission reagieren und denkt über verschärfte Sicherheitsmaßnahmen wie neue fälschungssichere Siegel und Barcodes auf den Packungen nach. Verheugens Klage erfolgt nicht zufällig zu diesem Zeitpunkt. Der scheidende Kommissar bangt um eines der wichtigsten Projekte seiner Amtszeit: Das so genannte Pharma-Paket, in dem zahlreiche Richtlinien der EU gebündelt werden sollen. Doch die Arbeiten treten auf der Stelle, weil der SPD-Politiker vor allem die Informationsverbote der Branche lockern will. So sollen Patienten beispielsweise im Internet besser über Präparate und deren Wirkstoffe und Unverträglichkeiten informiert werden.
Die mit dem Thema befassten Europa-Abgeordneten plädieren nun für eine möglichst solide Lösung. "Man muss das Werbeverbot beibehalten, aber trotzdem seriöse Informationsquellen schaffen", sagt Anja Weisgerber (CSU). Und auch Dagmar Roth-Behrendt (SPD) plädiert für verständliche Lösungen zugunsten von Patienten: "Es darf nicht sein, dass jeder Betroffene Englisch sprechen muss, um sich auf amerikanischen Internetseiten die gewünschten Informationen zusammenzustellen." Ein Grund für die Zunahme gefälschter Arzneien ist nach Auffassung der Krankenversicherer die zunehmende Selbst-Medikation von Patienten, die sich im Internet auf die Suche nach ihren Symptomen begeben, daraus selbst eine Krankheit ableiten und selbst behandeln. Dabei fallen sie oft Fälschern in die Hände.