Südwest Presse, 29. April 2010
EU-weite Maßnahmen sollen Patienten besser vor gefälschten Medikamenten schützen. Dafür sprach sich der Gesundheitsausschuss des Europaparlamentes aus. Schon im Juni soll das Plenum abstimmen.
Ob falsche Antibiotika, unwirksame Krebsmedikamente oder nachgemachtes Viagra: Die Zahl der nach Europa gelangenden Arzneimittelfälschungen hat in den vergangenen Jahren bedrohlich zugenommen. Experten sehen inzwischen eine Dimension wie beim Drogenhandel.
So wurden zwischen 2005 und 2006 rund 2,7 Millionen Arzneien beschlagnahmt. Nach Angaben der EU-Kommission handelte es sich um eine Steigerung der Fälle um 384 Prozent. Was die Beamten 2008 aber sicherstellten, sprengt jede Vorstellungskraft: Neun Millionen Packungen, das entspricht mehr als 34 Millionen Tabletten, wurden aus dem Verkehr gezogen.
Über 50 Prozent der falschen Pillen stammten aus Indien. Auf Platz zwei der Fälscherländer tummelten sich Syrien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Trotz der Erfolge des Zolls gehen Experten davon aus, dass unzählige Packungen ihren Weg in die EU gefunden haben.
"Wir beobachten seit geraumer Zeit einen wachsenden Anstieg von Arzneimittelfälschungen und haben Erkenntnisse, dass diese inzwischen eine Dimension wie der Drogenhandel erreicht haben", sagt der FDP-Europaabgeordnete Holger Kramer. Dagegen will die EU nun entschieden vorgehen. Der Gesundheitsausschuss einigte sich gestern auf Maßnahmen, die rezeptpflichtige Medikamente vom Ladentisch bis zum Hersteller zurückverfolgbar machen sollen. Jede Packung soll demnach mit einem fälschungssicheren Barcode ausgestattet werden. Holt der Patient sein Medikament ab, wird es vom Apotheker gescannt. So will die EU sicherstellen, dass es sich um das Originalprodukt handelt. Die Kosten für die Scan-Geräte werden die Apotheken selbst tragen müssen.
Doch immer mehr Patienten beschaffen Arznei im Internet. Darin liegt Experten zufolge eine große Gefahr. "Internetapotheken sind nicht per se gefährlich, aber es gibt viele schwarze Schafe als Einfallstor für Fälschungen", sagt die CSU-Europaabgeordnete Anja Weisgerber. Deshalb will die EU Internetapotheken mit einem Sicherheits-Logo versehen. Nur diejenigen, die Kontrollen über sich ergehen lassen, sollen es erhalten. Die EU wird alle zertifizierten Online-Apotheken in eine Liste aufnehmen.
Die Abgeordneten verabschiedeten neue Regeln für Beipackzettel, die nutzerfreundlicher werden sollen. Zudem soll der Informationsaustausch besser koordiniert werden. "Wenn Fälle von Nebenwirkungen in Griechenland gemeldet werden, kann eine ähnliche Situation in Deutschland auftreten. Durch bessere Vernetzung kann schneller reagiert werden", sagt Weisgerber.