Auszüge aus Main Echo, 04. Juni 2009
Auch nach Abschluss des Interessenausgleichs über den Fortbestand des Kolbenwerks erfahren die Beschäftigten von Mahle in Alzenau weiterhin Solidarität. Gestern fand sich die unterfränkische CSU-Europaabgeordnete Dr. Anja Weisgerber bei der Mahnwache vor dem Werkstor ein. Heute Abend soll die Aktion nach zehn Wochen Hoffen und Bangen mit einem Fest beendet werden, zu dem auch die Bevölkerung eingeladen ist und das um 18 Uhr beginnt.
Vorbereiten auf Kurzarbeitsphase Der Kampf ist vorbei, in die Werkshallen an der Brentanostraße ist der Arbeitsalltag zurückgekehrt. Nach Angaben von Steffen Borg, Kopf der IG-Metall-Vertrauensleute, laufen die Schichten im normalen Rhythmus: »Wir schaffen, was an Arbeit da ist.« Die Belegschaft stelle sich auf den Beginn der mit der Unternehmensleitung vereinbarten Kurzarbeitsphase ein, die Anfang Juli beginnen soll und bis zu zwei Jahre dauern kann. Von der Konzernzentrale in Stuttgart gebe es noch keine verbindlichen Angaben, in welchem Umfang die Produktion zurückgefahren werde. Möglich und konform mit dem erstrittenen Abkommen sei auch »Kurzarbeit null«.
Von der Politik erhofft sich die Belegschaft laut Borg vor allem Unterstützung im Bemühen, dem Standort eine Perspektive über die Zwei-Jahres-Frist hinaus zu geben.
Die Europaabgeordnete, die in Begleitung des CSU-Landtagsabgeordneten Peter Winter und des Kreistagsfraktionsvorsitzenden Helmut Winter erschienen war, sprach mit den Beschäftigten vor dem Werkstor vor allem über das Problem innereuropäischer Produktionsverlagerungen. Nicht nur Alzenau, auch andere große Mahle-Werke in westeuropäischen Ländern litten unter der von EU-Subventionen begünstigten Verschiebung von Fertigungskapazitäten nach Polen und weiteren osteuropäischen Staaten, betonte Steffen Borg. Personalabbau oder gar Werkschließungen stünden in Italien, Frankreich, Großbritannien und Spanien an.
Wettbewerbsverzerrenden Sonderkonditionen für Ost-Investoren werde mit neuen Bestimmungen zu den EU-Strukturfonds weitgehend der Boden entzogen, betonte Weisgerber. Auch gingen Brüsseler Fördermittel künftig nur noch an Firmen, die mit Ost-Investitionen unter dem Strich zusätzliche Arbeitsplätze bereitstellten. Die Kontrollinstrumente der EU-Kommission würden effektiver gestaltet.
Solidarität wird leichter Zur Verbesserung grenzüberschreitender betrieblicher Mitbestimmung werden laut Weisgerber, die dem Sozialausschuss des Europaparlaments angehört, auch die Rechte von Konzernbetriebsräten gestärkt: »Es wird leichter sein, sich zu solidarisieren.« Das Straßburger Parlament gehe verstärkt daran, das »soziale Europa« aufzubauen. Europa sei in diesem Sinne »die Antwort auf die Globalisierung«.
Die Chance für Mahle Alzenau heißt aus Sicht der Abgeordneten Innovation. Die neuen EU-Richtlinien für den CO 2 -Ausstoß von Kraftfahrzeugen zwängen die Autohersteller, auf zukunftsträchtige Technologien zu setzen und den Zulieferern neue Aufgaben zu stellen. Fertigungsqualität werde an Bedeutung gewinnen. »Die Frage ist nur«, so Steffen Borg, »ob das auch hier im Werk ankommt.«
Imponiert hat den CSU-Politikern der wochenlange Kampf der Alzenauer Belegschaft. Mahle-Mitarbeiter in aller Welt blickten auf Alzenau, bemerkte Peter Winter und wies auf die Solidaritätsaktion der hiesigen Belegschaft für von Entlassung bedrohte Kollegen in Argentinien hin.
»Eine Region steht auf, kämpft und gewinnt dann auch«, beschrieb Anja Weisgerber ihre Wahrnehmung. Das Alzenauer Beispiel habe bewiesen, dass Engagement sich lohne.