Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. November 2009
Schließung des Mahle-Werks wurde zwar verhindert – doch die Produktion ist eingestellt
ALZENAU. Als die „trotzigen Arbeiter von Alzenau“ wurden die Beschäftigten des Automobilzulieferers Mahle in Alzenau im Frühsommer gefeiert, weil sie mit Demonstrationen, wochenlangen Protestaktionen und der kurzzeitigen Besetzung des Betriebsgeländes geschafft hatten, die die geplante Schließung der Kolbenfabrik zu verhindern. Ihre Unnachgiebigkeit galt als ein Signal an andere, deren Jobs in der Krise ebenfalls gefährdet waren. Doch fast sechs Monate später ist bei Mahle fast niemandem mehr nach Feiern zumute. Die Produktionshallen sind verwaist. Wo vor zehn Jahren noch zehn Millionen Kolben hergestellt wurden, stehen die Bänder still. Mehr als 90 Prozent der 424 Mitarbeiter befinden sich in Kurzarbeit. Das klingt, als hätten Sie noch etwas zu tun. Doch in Wirklichkeit bedeutet Kurzarbeit in diesem Fall: null Arbeit, 24 Monate lang. Eine Ausnahme sind jene 200 Frauen und Männer, die sich in Qualifizierungsmaßnahmen befinden. Im Werk selbst sorgen einige Arbeiter dafür, dass die Produktion jederzeit wiederaufgenommen werden könnte. Und ein paar Angestellt wickeln in ihren Büros die letzten Aufträge ab.
Die der Konzernleitung im fernen Stuttgart abgerungene Zusicherung, das Werk zumindest bis zum Sommer 2011 nicht zu schließen und die Nachfrageflaute mit Kurzarbeit zu überbrücken, hatte Ende Mai als kleine Sensation gegolten. Doch ob der Betrieb wirklich eine Zukunft hat, scheint angesichts der Branchenkrise fraglich. Denn der Umsatz bei Mahle ist im ersten Halbjahr 2009 um 32 Prozent abgesackt. Und der Kolbenhersteller rechnet auch nicht mit einer raschen Erholung der Märkte. Die Autoproduktion werde weltweit erst 2014 oder 2015 das Niveau von 2007 erreichen, meinte Mahle-Geschäftsführer Heinz Junker. Für Europa gilt seine Prognose allerdings nicht. Dort gäbe es Überkapazitäten. „Die ganze Branche hat ein strukturelles Problem, und das lässt sich nicht mit Kurzarbeit lösen“, sagte Junker in Stuttgart und fügte einen Satz hinzu, der den Alzenauern zu denken geben muss: Kurzarbeit ist wie Valium“, meinte er und machte damit deutlich, dass sie auf Dauer nichts gegen eine schwache Nachfrage ausrichten kann.
In der Region Bayerischer Untermain haben 540 Betriebe für 23 000 Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet. Erfahrungsgemäß wird diese Zahl jedoch nicht ausgeschöpft. Nach Angaben eines Sprechers der Arbeitsagentur in Aschaffenburg hilft die Kurzarbeit den Unternehmern nicht nur eine „wirtschaftliche Delle“ zu überbrücken. Auch bei strukturellen Problemen können sie den Firmen Zeit verschaffen, um sich neu aufzustellen. Reinhard Engelmann von der Industrie- und Handelskammer Aschaffenburg hält die Regelung ebenfalls für hilfreich, weil die Firmen Fachkräfte halten könnten. Allerdings führe irgendwann kein Weg daran vorbei, den Personalstand and die Nachfrage anzupassen, sagte er.
Das wissen auch die Mahle-Beschäftigten in Alzenau. Ihnen ist bewusst, dass beinahe das komplette Produktportfolio des Autozulieferers vom Verbrennungsmotor abhängt. „Mit Autokolben allen werden wir das Werk nicht retten können. Wir brauchen neue Produkte“, sagt deshalb Betriebsratsvorsitzender Dieter Wissel, der sich auch von den neuesten Hiobsbotschaften nicht unterkriegen lassen will. Um auch nach außen zu demonstrieren, dass die Belegschaft den Kampf keineswegs für aussichtslos hält, hat die Mannschaft ihren Slogan geändert. Statt „Eine Region steht auf“ lautet das Motto jetzt: „Wir suchen Wege aus der Krise“.
Wissel und seine Kollegen haben auch schon etwas gefunden, dass ihrer Meinung nach nicht nur dem Alzenauer Werk, sondern auch den anderen deutschen Mahle-Standorten helfen könnte. Sie schlagen als Alternativprodukt den Bau von Miniblockheizkraftwerken vor. Wissel sieht ein großes Potential, da nur zehn Prozent aller 35 Millionen Heizanlagen in Deutschland auf dem neuesten technischen Stand seien. Am Freitag sollte der Betriebsrat sein Konzept der Europaabgeordneten Anja Weisgerber, dem Landtagsabgeordneten Peter Winter, dem Fraktionschef im Kreistag und Bürgermeister Walter Scharwies (alle CSU) vor. Weisgerber nannte das Konzept ausgeklügelt. Nach ihren Worten ist nun das Management am Zug. Scharwies zeigte sich überzeugt, dass die Konzernleitung Neuentwicklungen gegenüber aufgeschlossen sei. Das Thema Energie bietet nach seinen Worten ein hohes Zukunftspotential. Weisgerber zufolge kann Mahle nicht auf EU- oder Bundesfördermittel hoffen, da der Konzern zu groß sei und die Region zu wirtschaftstark sei. Anders sehe das bei „innovativen Entwicklungsvorhaben“ im Verbund mit Universitäten, Hochschulen oder Forschungsinstituten aus. Diese würden bezuschusst, sagte sie und versprach, alles daran zu setzen, „damit Fördergelder in die Region fließen“.
Mahle Werksleiter Norbert Dicks versetzte der aufkommenden Begeisterung einen Dämpfer. Indem er betonte, dass bei einer Prüfung des Konzepts die Wirtschaftlichkeit Priorität habe. Ein positives Wort ließ er sich über den Vorschlag nicht entlocken. Das entmutigte Wissel jedoch nicht. „Wir haben es immer geschafft, den Spieß umzudrehen“, sagte er und ließ damit erkennen, dass Betriebsrat wie auch Belegschaft ein Wunder immer noch für möglich halten.
Agnes Schönberger