Der Spiegel
Ortstermin: In Berlin wird der „WahlO-Mat“ für die Europawahl vorgestellt – und Spitzenkandidaten lassen ihre wahre Gesinnung testen.
Ihr ist ein bisschen bang. Sie darf jetzt keinen Fehler machen, viel steht auf dem Spiel. „Ich hoffe, dass das Richtige rauskommt“, sagt sie mit zager Stimme. Und was ist das Richtige? „Na, CSU.“
Anja Weisgerber ist seit 1997 Mitglied der CSU, und in diesem Jahr hat sie von ihrer Partei einen guten Listenplatz für die Europawahl am 13. Juni bekommen. Dieser Ehre soll sie sich nun als würdig erweisen. Ein Test steht ihr bevor, sie muss gleich an den Wahl-O-Mat, eine Art Lügendetektor für Parteisoldaten.
Es geht los. Sie steht auf, geht nach vorn, setzt sich vor einen Computer. Sie ist in Berlin auf einer Pressekonferenz, geladen hat die Vertretung des Europaparlaments. Neben ihr sitzen fünf Kandidaten anderer Parteien. Einer, Alexander Graf Lambsdorff (FDP), hat einen bekannten Namen, einer, Martin Schulz (SPD), war mal die Berühmtheit eines Sommers, als er Italiens Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gegen sich aufbrachte und damit den Bundeskanzler zu einem Urlaub in Hannover zwang. Die anderen kennt man nicht.
Sie sitzen in einer Reihe, alle haben die Beine übereinander geschlagen. Es ist ein Spiel, aber niemand lächelt. Unbehagen füllt den Raum. Nun wird aufgespürt, wer linientreu ist. Wer am Wahl-O-Mat einen Fehler macht, wird niemals Bundeskanzler.
Bevor es wirklich losgeht, redet noch Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Sie hat den Wahl-O-Mat zusammen mit Jugendlichen entwickelt. Man muss zu 30 Thesen Stellung nehmen, und dann sagt einem der Computer, welcher Partei man zuneigt.
Der Wahl-O-Mat, sagt Krüger, sei ein „Internet-Tool, das an jugendliche Lebenswelten anknüpft“. Er soll Interesse an der Europawahl wecken. Politikern macht er eher Prüfungsangst. Während Krüger redet, liest Martin Schulz einen Spickzettel. Es könnte das Godesberger Programm seiner Partei sein.
Alexander Graf Lambsdorff bewegt die Lippen, als memoriere er noch einmal das liberale Thesenpapier mit dem Onkel Otto im Jahre 82 die Koalition von SPD und FDP gesprengt hat.
Hartmut Nassauer (CDU) guckt zur Decke, als könnte er dort die derzeit gültige Zahl für Angela Merkels Kopfpauschale ablesen. Waren es 300 Euro? 180 Euro? Oder 240 Euro?
Jetzt redet noch Nikolaus Brender, der Chefredakteur des ZDF, das den Wahl-O-Mat sponsert. Er erinnert sich an Mutters Waschmaschine, die Lavamt geheißen und den Schmutz rausgewaschen habe, manchmal auch die Farbe. Er will einen Bezug zum Wahl-O-Mat herstellen, verheddert sich aber, bevor er zum Schmutz kommt. Es geht dann wirklich los. Anja Weisgerber wendet sich dem Computer zu und liest als ersten Satz: „Die Türkei soll in de EU aufgenommen werden.“ Sie muss entscheiden, ob sie zustimmt oder nicht. Sie überlegt lange. „Stimme nicht zu“, klickt sie an. Selbst den Satz „Die christlich-abendländische Kultur muss das Fundament Europas sein“ bedenkt Weisgerber mit ernster Miene, als forsche sie in ihrem Gedächtnis, ob nicht Franz Josef Strauß bei einer Bierzelt-Rede nach Stunde vier und Maßkrug dreimals anderes erwogen hat? Sie ist immer auf der Hut und hat einen Doktortitel. „Stimme zu“, heißt schließlich ihr Votum. Die Kollegin Sylvia-Yvonne Kaufmann von der PDS, die neben ihr sitzt, ist doppelt so schnell. Da hilft wohl die Kaderschulung einer noch immer halbwegs sozialistischen Partei.
Plötzlich ein Schrei: „Ich bin ein Sozi!“ Alle schauen auf. Wer war`s Alexander Graf Lambsdorff? Hartmut Massaier? Nein, der, der jetzt so erleichert strahlt, st Martin Schulz, dem bestätigt wurde, was auch in seinem Parteiausweis steht.
Auch Kaufmann ist jetzt durch und liest nach Mausklick die drei Buchstaben, die sie ersehnt hat. Anja Weisgerber grübelt da über These 21. „Jede Form von Konforschung soll verboten werden.“ Gilt da jetzt das Katholische oder das Wirtschaftsfreundliche ihrer Partei?
Als sie sich zu allen 30 Thesen geäußert hat, kommt der Moment der Angst. Der Computer rechnet, hinter ihr steht ein Kameramann vom ZDF. Wenn jetzt ein C, ein D und ein U erscheinen, wird Edmund Stoiber das am Abend im „heute-journal“ sehen, und Humor soll nicht seine stärkste Eigenschaft sein.
Weisgerber starrt auf den Bildschirm. Sie hat das Zweite Juristische Staatsexamen, ihr Wahlprospekt zeigt sie inmitten einer glücklich wirkenden Familie. Es gibt ein Leben jenseits der Politik. Aber Überraschungen sind selten in diesem Geschäft, das auf Berechenbarkeit baut. Für Weisgerber kommt das Richtige raus. Sie nimmt das routiniert zur Kenntnis. War doch eh klar, sagt ihr Gesicht.
Alle Teilnehmer sind bei ihrer Partei gelandet. Schulz verkündet stolz, dass er den Grünen am zweitnächsten stehe und deshalb perfekt das rot-grüne Bündnis verkörpere. Vielleicht hat sich Berlusconi ja nur empört, weil Schulz so ein Streber ist.
Unglücklich mit ihrem Ergebnis ist nur Rebecca Harms von den Grünen. Weil der Wahl-O-Mat sie, die ewige Rebellin von Gorleben, als Grüne ausweist, sieht sie sich als Anpasserin denunziert. „Ich bin ganz überrascht“, sagt sie zerknirscht.