Mannheimer Morgen
SPORTPOLITIK: EU-Kommission legt Organisationen und Klubs an die Leine / Zentrale Vermarktung der TV-Rechte angedacht
Die beiden Herren waren zutiefst verärgert, ja wütend. Sepp Blatter, Chef des Fußball-Weltverbandes FIFA, wetterte gegen Brüssel. Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, rief gar zum "Kampf" auf. Anlass für die Wutausbrüche: das "Weißbuch Sport" der EU-Kommission.
Brüssel will sich in den Profi-Sport einmischen - vor allem in den Fußball. Dabei ist Sport eigentlich gar keine Aufgabe der Gemeinschaft. Aber die Klubs in den 27 Mitgliedstaaten sind zu Wirtschaftsunternehmen geworden, die "jährlich 490 Milliarden Euro Umsatz machen und 15 Millionen Menschen direkt oder indirekt beschäftigen, das sind 5,4 Prozent der Erwerbstätigen in der EU", wie es in dem 20-seitigen der Papier der Kommission heißt. Und damit steht fest: "Sport-Organisationen fallen unter das europäische Recht für Wirtschaftsunternehmen".
Eine Sichtweise, die der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg seit 1974 in zahllosen Urteilen bestätigt hat. Die CSU-Europaabgeordnete Anja Weisgerber, selbst in jungen Jahren Tennis-Profi, sagt, was das bedeutet: "Gleiche und faire Wettbewerbsbedingungen sind wichtig". Aber eben nicht vorhanden.
Europäische Spitzenklubs wie Real Madrid erwirtschaften bis zu 160 Millionen Euro jährlich, weil sie ihre Fernsehrechte selbst vermarkten können. Deutschlands Vorzeige-Klub FC Bayern München aber unterliegt der zentralen Vermarktung, die hierzulande gesetzlich geregelt ist, und kommt deshalb auf gerade Mal 28 Millionen. Kein Wunder, dass die Bayern sich nicht den gleichen Top-Kader zusammenkaufen können, wie die Spanier. Nun harmonisiert Brüssel den Wettbewerb, wofür sich auch Bayern-Manager Karl-Heinz Rummenigge in Gesprächen mit dem Europa-Parlament eingesetzt hatte. Er wollte die gleichen Freiheiten wie in Italien, Spanien oder Großbritannien.
Doch es kommt anders: Überall in der EU soll die zentrale Vermarktung Pflicht werden, damit alle Vereine die gleichen (finanziellen) Chancen haben. Die Spitzengehälter ihrer Kicker dürfen sie zwar weiter frei aushandeln (eigentlich hatten die Abgeordneten hier Höchstgrenzen einziehen wollen), aber sie müssen ihre Bücher offen legen, um zu verhindern, dass Gelder gewaschen werden oder Einzelpersonen, wie der russische Magnat Abramowitsch beim FC Chelsea, zu hohen Einfluss bei einem Klub bekommen.
Bislang haben lediglich IOC und FIFA protestiert, dabei rechnet EU-Kommissar Jan Figel, aus dessen Feder die Vorstöße stammen, mit weit mehr Widerstand. Denn die Vorschriften betreffen alle Bereiche des Profisports - vom Eishockey über Handball bis hin zur Leichtathletik, wo die Besten der Welt sich ihre Auftritte bei Wettkämpfen honorieren lassen.
Aus Sicht der EU sind sie damit selbständige Dienstleister, die unter die entsprechenden Richtlinien fallen. Kommission und EU-Parlament sind entschlossen, die Umstellung durchzuziehen, zumal sie den EuGH im Rücken wissen. In Brüssel mutmaßt man, die Widerstände vor allem der FIFA hätten vorrangig finanzielle Gründe. Immerhin habe die FIFA allein bei der WM 2006 einen Reingewinn von etwa zwei Milliarden Euro erzielt - ohne als Wirtschaftsunternehmen anerkannt zu sein.