Haßfurter Tagblatt
Minister Eberhard Sinner und Kandidatin Anja Weisgerber bei den "Fränkischen Rohrwerken" in Königsberg
KÖNIGSBERG In Bayern daheim und zumindest in ganz Europa zu Hause: Eberhard Sinner, in Stoibers Kabinett der Mann für europäische Angelegenheiten, und Dr. Anja Weisgerber, die Unterfranken künftig im Europäischen Parlament vertreten möchte, waren am Donnerstag im Landkreis unterwegs und besuchten unter anderem die Firma "Fränkische" in Königsberg.
"Eine Idee ging um die Welt", dieses Motto der "Fränkischen" könnte auch die Europäische Union betiteln. Schließlich ist mit dem Beitritt der zehn neuen Mitglieder nun der größte Wirtschaftsraum der Welt entstanden, der nicht nur Risiken, sondern vor allem auch unglaubliche Chancen für Bayern und Deutschland bietet. Da waren sich die beiden Politiker mit den Unternehmern Helmut und Otto Kirchner einig.
Die "Fränkische" wurde 1906 gegründet. Für die größere Firma, die Rohrwerke, kam der Durchbruch im Jahre 1959, als man weltweit das erste kontinuierlich extrudierte PVC-Wellrohr entwickelte. Mit den Jahren kamen die Geschäftsfelder Heizung & Sanitär, Industrie, Maschinenbau oder Dränage hinzu. "Wir haben einen wesentlichen Beitrag geleistet, Deutschland trocken zu legen", sagt Helmut Kirchner pointiert.
2002/03 erwirtschaftete das Unternehmen mit 1250 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 180 Millionen Euro. Und schon längst wird nicht mehr nur in Königsberg produziert. Neben den Werken in Bückeburg und Schwarzheide haben die Fränkischen Rohrwerke auch Niederlassungen in Tschechien und South Carolina (USA). Die schwarz-gelben Fahnen wehen auf der Landkarte aber fast in jedem europäischen Land, wo es weitere Vertriebsstationen gibt. "Wir müssen vor Ort sein, auch wenn es manchmal nur winzige Schläuche sind, die wir liefern", sagt Helmut Kirchner.
Die Auftraggeber würden dies verlangen. "Entweder ihr produziert an unserem Standort oder wir suchen uns einen anderen Zulieferer", heißt es dann. Diskussionen seien dann überflüssig. Und deshalb sind auch bei der Fränkischen bereits einige Arbeitsplätze ins Ausland abgewandert.
30 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen inzwischen im Export, erfuhren die beiden Europa-Politiker, von denen Anja Weisgerber einen besonderen Draht nach Königsberg hat, da ihr Patenonkel dort im Qualitätsmanagement tätig ist "Wenn wir weiterhin wachsen wollen, ist das Ausland unsere einzige Chance", betonte Helmut Kirchner. "In Deutschland sind die Kosten den Erlösen schon längst davongelaufen." Eine Mitschuld gibt er der Bundesregierung: "Von denen erwarte ich gar nichts mehr, nur noch eines: den Rücktritt."
Sinner wollte wissen, was die Politik tun könne, um die deutschen Unternehmer auf dem europäischen Markt zu unterstützen. Insgesamt weniger "Staatsdirigismus", wünschte man sich in Königsberg. "Keine Ausbildungsplatzabgabe, das wäre ein Anfang", meinte Helmut Kirchner und wusste sich mit den Gesprächsteilnehmern, zu denen auch Landrat Rudolf Handwerker, Staatssekretär a. D. Albert Meyer und der stellvertretende CSU-Kreisvorsitzende Günther Geiling gehörten, einer Meinung. "Wir haben schon immer ausgebildet. Und trotzdem müssten wir 98 000 Euro zahlen, wenn die Abgabe kommt. Hätte die Regierung es doch gleich Steuer genannt, dann wäre das zumindest fair."
Und Otto Kirchner fügte an, dass es mit dem Ausbilden nicht getan sei. "Es hat doch keinen Sinn, die jungen Leute planlos in die Lehre zu nehmen und sie danach wieder auf die Straße zu schicken." Man selbst bilde nach Bedarf aus. Derzeit habe man 75 Azubis in allen Werken. "Und nur bei einer vernünftigen Anzahl springt auch eine gute Qualität heraus."
Auf Nachfrage der Politiker meinten die beiden Geschäftsführer, dass die Osterweiterung im Unternehmen spürbar sei. Bis nach Russland würden inzwischen die Produkte geliefert und es gebe auch einen wahnsinnigen Bedarf, obschon die Entwicklung viel langsamer als in der ehemaligen DDR vonstatten gehe, da die Länder im Osten keinen reichen Bruder hätten. "Die müssen sich alles selbst erarbeiten und greifen dann natürlich auch auf Billigprodukte zurück, die es unserem Bereich auch gibt."
Das bestätigte auch der Europa-Minister: Wurden in der DDR 1250 Millionen Euro investiert, so stehen für die nächsten Jahre für die Kohäsionsförderung in der EU gerade einmal 336 Millionen Euro zur Verfügung. Und gemeinsam mit den Unternehmern stellte Sinner die verstärkte Förderung in Frage, da die Länder durch die niedrigeren Steuern und Lohnkosten sowieso bereits einen immensen Wettbwerbsvorteil für die nächsten Jahre hätten. Zum anderen würden Arbeitsplätze in den anderen EU-Ländern aufgegeben und dorthin verlagert, ohne dass ein Mehrwert für die Länder der EU entsteht. "Wir müssen die Strukturförderung sicherlich überdenken. Es kann nicht sein, dass die neuen Mitgliedsländer die Höchstförderung bekommen und es fünf Kilometer weiter bei uns keinen Cent mehr gibt."
Sinner betonte, dass man die Globalisierung und Vernetzung der Märkte trotz aller Probleme gar nicht abstellen könne. Man müsse deshalb die Osterweiterung als Chance sehen und sich dementsprechend aufstellen. Zumal die neuen Ländern vor Bayerns Haustüre liegen würden. Zwischen zehn und 30 Prozent könne der Handel je nach neuem Mitgliedsland wachsen.
Ziel müsse es langfristig sein, die Steuergesetzt in der EU anzugleichen. "Bayern arbeitet daran", sagte der Minister und nannte die Exportzahlen "sehr gut". Allerdings dürfe man sich aufgrund der Wirtschaftslage nicht depressiv zurücklehnen und die Chancen vor der eigenen Haustür durch Reformunfähigkeit der Bundesregierung vertun. "Die Japaner und Chinesen warten schon "Das dürfen wir nicht zulassen."
Seit Jahren pflege der Freistaat bereits bilaterale Gespräche mit seinen Nachbarn. "Deswegen ist Bayern schon da. wo andere erst noch hin wollen", meinte der Minister. Es sei richtig und wichtig, dass man den Nachbarn Hilfe anbiete, müssten sie doch nicht zuletzt 80 000 Seiten europäisches Recht umsetzen. "Wir müssen vermehrt über die Grenzen hinweg zu denken. Nur so können wir ein Europa mit Zukunft gestalten."