Die Kitzinger, 12. August 2010
Die von der Europäischen Kommission angepeilte Liberalisierung des EU-Weinmarktes treibt den fränkischen Winzern große Sorgenfalten auf die Stirn. Das offenbarte auch der gemeinsamen Winzerstammtisch der Weinbauvereine aus den Schwanberg-Gemeinden Rödelsee, Iphofen, Großlangheim und Wiesenbronn am Dienstag.
Die Spitze des Fränkischen Weinbauverbandes und die Europaabgeordnete Dr. Anja Weisgerber (CSU) informierten die anwesenden Winzer über den Stand und die Auswirkungen der Weinmarktreform. Dabei ging es vor allem um das drohende Szenario der Liberalisierung und die Abschaffung des Pflanzenrechts.
Weisgerber dankte in ihrer Rede zunächst den hiesigen Winzern und Landwirten für ihre Arbeit zum Erhalt der Kulturlandschaft. Gerne habe sie sich eingesetzt und bei der EU-Weinmarktreform, die Ende 2007 beschlossen worden war, mit Herzblut für die fränkischen Winzer gekämpft.
Die große Bedeutung des Weinsektors innerhalb der EU zeigte sich darin, dass die Mitgliedstaaten Italien, Frankreich und Spanien die drei weltweit größten Weinproduzenten seien. Deutschland nehme global Rang neun unter den Weinexporteuren ein, wobei Franken eine herausragende Stellung innehabe. „In Deutschland wird zu 95 Prozent Qualitätswein hergestellt. Das erreicht die Konkurrenz aus Billigländern nicht annähernd.“
Weisgerber wies darauf hin, dass Frankens Winzer einige Vorteile aus der Weinmarktreform ziehen könnten, wie zusätzliche Fördermittel, die jetzt frei geworden seien, weil momentan bestehende Destillationsbeihilfen schrittweise auslaufen. „Bis 2014 werden die Mittel für Franken auf etwa 2,3 Millionen Euro jährlich steigen.“
Mit den Geldern könnten Maßnahmen zur Verbesserung der Bewirtschaftungstechnik, zum Aufbau von Terrassenanlagen oder zur Installation von Tropfbewässerungsanlagen bezuschusst werden. Zudem soll mit europäischen Mitteln die Vermarktung auf Drittlandsmärkten forciert werden.
Neben Informationskampagnen und Studien zur Absatzförderung werde in einem dritten Schwerpunkt direkt in Betriebe investiert. Demzufolge würden Zusammenschlüsse von Erzeugern und Investitionen in die Infrastruktur der regionalen Weinvermarktung unterstützt. Im Gegensatz zu früher können jetzt auch technische Ausstattungen von Weinbaubetrieben gefördert werden.
Bocksbeutel bleibt geschützt
Weisgerber informierte weiter, dass sie in Zusammenarbeit mit dem Fränkischen Weinbauverband die Abschaffung der Qualitätsweinprüfung und des traditionellen Bezeichnungsrechts auf den Etiketten verhindern konnte. Die Qualitätsweine aus dem Weinanbaugebiet Franken dürfen damit auch weiterhin die bestehenden Qualitätsweinbezeichnungen tragen, so dass die fränkischen Winzer alle Möglichkeiten des alten und des neuen Bezeichnungsrechts nutzen können. „Ich habe nochmals bei den Landes- und Bundesministerien vorgesprochen und kann Ihnen versichern, dass das Bezeichnungsrecht auch über das Jahr 2011 hinaus unangetastet bleiben wird.“ Genauso sehe es mit dem Bocksbeutel aus, der gesetzlich geschützt bleibe.
Bei der Liberalisierung habe nur ein Teilerfolg erzielt werden können. Das Europaparlament sei kategorisch gegen die Liberalisierung mit völliger Flächenfreigabe und der Abschaffung des Pflanzenrechts. In der Europäischen Kommission zeichne sich eine gegensätzliche Tendenz ab, die auf allen Gebieten liberalisieren wolle. „Wir werden die Kommission unter Druck setzen und haben mit Bundeskanzlerin Angela Merkel eine exponierte Unterstützerin gefunden“, versicherte Weisgerber. Denn die Bundeskanzlerin habe auf der Fachmesse Intervitis explizit versichert, dass sie gegen die Liberalisierung sei und für die Verlängerung der Pflanzrechte eintrete.
Artur Steinmann, Präsident des Fränkischen Weinbauverbandes, erklärte einige Optionen, mit denen man die neue Gesetzeslage innovativ nutzen könne. Die Region gelte in Sachen Wein als Katalysator. Der Verband stelle daher Überlegungen an, bei der Bezeichnung künftig mit Großbereichen wie dem Steigerwald zu arbeiten und möglicherweise in einigen Jahren die Großlagen abzuschaffen. „Natürlich nur im Gespräch mit den und im Sinne der Verbandsmitglieder.“
Unterschiedliche Positionen im Verband
Hermann Schmitt, Geschäftsführer des Weinbauverbandes, erläuterte erste Gedankengänge seitens der Verbandsführung. Angedacht sei, aus der Qualitätspyramide den Tafelwein als unterste Stufe zu streichen. Wenn ab 2015 das Pflanzrecht falle, werde die geschützte Ursprungsbezeichnung eine wichtige Rolle einnehmen.
Im Deutschen Weinbauverband herrschen laut Schmitt unterschiedliche Positionen vor. So wolle Baden-Württemberg große Bereiche ab 800 Hektar forcieren, Rheinland-Pfalz möchte lieber die Einzellagen stärken. Der Fränkische Weinbauverband stehe der Großbereichs-Variante aufgeschlossen gegenüber. Gerade auf Zugpferde aus der touristischen Ebene wie Aischgründer, Weinparadies oder Schwanberg könnte zukünftig gesetzt werden – wenn Konsumenten und Einzelhandel diese Varianten annehmen.
CSU-Landtagsabgeordneter Dr. Otto Hünnerkopf resümierte aus den Worten seiner Vorredner, dass die EU immer mehr in den Alltag eingreife. Bayern habe mit den Flurbereinigungen in den vergangen Jahrzehnten die Grundlagen für die Winzer geschaffen, die Landschaft zu nutzen und ertragreich zu bewirtschaften. „Ich will mir die Bedrohung durch die Aufhebung des Anbaustopps gar nicht ausmalen.“
Hünnerkopf wünschte sich eine weitere Stärkung des Europaparlaments, um weitere Nachteile durch EU-Gesetze abzuwenden. Denn es dürfe nicht sein, dass durch eine Liberalisierung der Fokus auf den Profit gelegt werde und ökologische, umweltpolitische und soziale Belange auf der Strecke blieben.