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Bayerns jüngste EU-Abgeordnete

Münchener Abendzeitung

Anja Weisgerber – mit 28 Jahren in Straßburg
Straßburg. Die Wege sind weit im EU-Parlament in Straßburg. Die 732 Parlamentarier arbeiten und tagen in zwei riesigen Gebäude-Komplexen. Es ist eine echte Kunst, sich in den vielen Ebenen und Gängen der Gebäude nicht zu verinnen. "Ich bin schon froh, das ich es jetzt von meinem Büro in den Plenarsall schaffe", sag Anja Weisgerber. Ansonsten hält sie sich noch an ihren Assistenten Tobias Gotthardt, der schon seit 1999 für Europa-Abgeordenete arbeitet. "Ohne ihn", sagt sie, "würde ich mich ständig verlaufen." Es sind die ersten Tage der CSU-Politikerin, 28 Jahre alt, blond, schlank und eindeutig aus Unterfranekn (rollendes "R") an ihrem neuen Arbeitsplatz. Die AZ hat sie in ihrer ersten Sitzungswoche in Straßburg begleietet. Anja Weisgerber ist nicht nur die jünste der elf EU-Abgeordneten aus Bayern – für sie war es der Sprung auf die große politische Bühne. Bisher saß sie nur im Gemeinderat ihres 4000-Seelen-Heimatdorfes Schwebheim und engagierte sich in der Jungen Union. Von Schwebheim nach Straßburg – die Rechtsanwältin hat sich diesen Schritt gut überlegt. "Eigentlich wollte ich keine Politikerin werden", sagt die gelernte Juristin. Es war auch nicht meine Idee, dass ich kandidieren soll. Die kam aus den Reihen der Jungen Union." Seit sie 18 Jahre alt ist, engagiert sie sich politisch. Damals ist sie der Jungen Union beigetreten und schnell aufgestiegen. Sie schaffte es bis in den Landesvorstand. "Ich bin ein Arbeitstier", sagte sie über sich selbst. "Wenn ich was mache, dann mache ich es richtig."
Jetzt ist sie hauptberuflich in Straßburg. Und findet alles spannend, aber auch gewöhnungsbedüftig. Das ging schon am ersten Tag los, als sie zur Konstituierung des Parlaments das erste Mal im Plenum Platz nahm. Sie hatte sich auf eine feierliche Konstituierungs-Zeremonie gefreut. "Aber wir Neuen wurden nur kurz begrüßt und dann ging die Sitzung los", sagte sie – und ist immer noch enttäuscht. Sehr jung wirkt sie in diesem Moment. In den Sitzungen, bei Gesprächen mit Kollegen ist das anders. Da gibt sie sich so professionell, das man fast nicht glauben kann, dass sie erste 28 Jahre alt ist. Ein Eindruck, den sie bewusst durch ein betont seriöses Äußeres (Hosenanzug, Seidenbluse, Fönfrisur) unterstreicht. "Im Wahlkampf wurde ich oft gefragt, ob ich nicht zu jung sei für so ein Amt", erzählt sie. "Ich habe mich oft wegen meines Alters rechtfertigen müssen." Nicht so in Straßburg. Da musste sie anfangs nur ständig ihren Abgeordneten-Ausweis vorzeigen, weil sie vom Parlaments-Personal für eine Assistentin gehalten wurde. Aber das hat sich nach der ersten Woche gelegt. Sie ist in ihr Büro zurückgekehrt und macht sich daran, die Berge von Anfragen, Briefen und E-Mails, die in den letzten Tagen eingegangen sind, zu bearbeiten. "Es ist schon erstaunlich, wer sich so alles meldet, seit ich in Parlament gewählt wurde", sagt sie kopfschüttelnd. "Da schreiben Menschen, von denen ich ewig nichts gehört habe." Schweigen. "Naja", setzt sie wieder an, "ich bin da mal lieber vorsichtig"." Anja Weisgerber sieht auf die Uhr, die nächsten Termine warten. "Ich freue mich sehr auf zu Hause, erzählt sie später beim Abndessen, das sie sich echt europäische mit Radler, Crèpes und Flammkuchen zusammengestellt hat. "Ich bin ein sehr heimatverbundener Mensch". Anja Weisgerber lacht. "Außerdem muss meine Mutter meine Wäsche mitwaschen. Ich habe noch nicht so viel Parlament-taugliches." Der Kellner bringt die Getränke. Für Anja Weisgerber ein Bier und eine Flasche Limonade. Mit Radler konnte der Kellner offenbar nichts anfangen. Die Politikerin spielt die Entrüstete. "Da hätten meine bayerischen Kollegen aber schon Vorarbeit leisten können", sagt sie, bestellt sich ein großes Glas und schüttet das Bier und die Limo zusammen. "Ich sehe schon, hier gibt es noch viel zu tun."
Beatrice Oßberger.